G. Weltliches und geistliches Drama 1035
fallen — sind drei Fassungen überliefert. Nach den Forschungen vonJahnke 1 ist die Grundlage eine Prosafabel, die von Galfred von Vinsaufin 22 Hexametern in die Poetria nova aufgenommen wurde, von einemandern Dichter 2 unter Beibehaltung der Form in der Komposition etwasgeändert worden ist, während ein dritter Dichter sie in zehn Distichen um-setzte. Die Fabel ist folgende.
Der eine von drei Genossen, die unter sich ausgemacht hatten, daßjeder der Reihe nach für die andern kochen solle, will Wasser im Krugeholen, stolpert dabei und zerbricht den Krug. Als er auf dem Markt einenneuen kaufen will, wird er vom Händler, der einen Dieb in ihm fürchtet,weggejagt. Auf dem Rückweg trifft er einen Genossen, und um sich zurächen, bittet er ihn, mit ihm zum Markt zurückzukehren und ihm dortzuzurufen, daß sein Vater gestorben sei. Er befühlt nun beim Händlereinen Krug nach dem andern, da ruft der Genosse: „Was machst du hier?Dein kranker Vater ist gestorben!" Er erschrickt darauf angeblich heftigund dabei werden die Krüge zerbrochen. Dann ergreift er die Flucht, nach-dem er sich für die ihm widerfahrene Beleidigung genugsam gerächt hat.
Ueberlieferung. Fassung 1 in der Poetria nova bei Leyser p. 967 Vers 1884—■1905. Fassung 2 im Vindob. 312 s. XIV f. 82 a. Fassung 3 im Vat. reg. 344 s. XIV f. 37.Ausgabe von 1 bei Haureau, Not. et extr. 29, 2, 321 f.; von 2 bei Peiper, Anz. f.Kde d. dtsch. Vorzeit 19, 51 f. (und Jahnke p. 105 f. adn.); von 3 bei Wattenbach,Anz.f. Kded. dtsch.Vorzeit 22, 216; bei Haureau a.a.0. p.321; Jahnke, ComoediaeHoratianae tres p. 107. Vgl. Cloetta 1, 84.155. Vgl. K. Francke Zur Gesch. d. lat.Schulpoesie des 12. und 13. Jahrh. S.U. Faralp. 375 f. W. Creizenach a. a. O. 1, 39.
13. DE CLERICIS ET RUSTICO
Ein Schwank in 62 Hexametern, der sich hier zwischen zwei Klerikernund einem Bauern zuträgt, während die fast gleiche Erzählung in derDiscipl. clericalis des Petrus Alfonsi N. 17 es mit zwei Bürgern undeinem Bauern zu tun hat. Die Geistlichen sind mit dem Bauern an-scheinend auf einer Wallfahrt begriffen und schicken ihn in der Näheder Stadt zum Hospiz, um das Nachtlager zu bereiten. Als er voraus-gegangen ist, beraten sie über den Mundvorrat, der nur gut für zwei,aber nicht für drei Personen reicht. Sie beschließen, den Bauern darumzu betrügen, und verabreden daher mit ihm, als sie in die Herberge kom-men, daß die Eßvorräte dem gehören sollen, der in der Nacht den wun-derbarsten Traum habe. Der Bauer aber schöpft Verdacht, daß sie ihntäuschen wollen, und als sie am nächsten Morgen ihre Träume erzählen,sagt der eine Kleriker, er habe von den Wundern des Himmels geträumtund sich vorgenommen, nicht auf die Erde zurückzukehren. Der zweiteberichtet, daß er furchtbar geträumt habe, nämlich von Furien und Erin-nyen, von Tityos, Tantalus, Ixion und Sisyphus und Klosterfrauen undweibischen Männern in der Hölle, und auch er habe nicht zurückkommenkönnen. Darauf sagt der Bauer, daß sie nicht wiederkommen würden, habeer im Traume gesehen und daher alles allein aufgegessen.
Der Schwank besitzt einen äußerst lebhaft geführten Dialog, so daß inmanchem Hexameter zwei bis drei Fragen und Antworten enthalten sind.
1 Comoed. Horat. p. 59—65. wohl aus Vs. 4 focum facio (Feuer machen)
* Daß er ein Franzose war, ergibt sich p. 107 ed. Jahnke.