G. Weltliches und geistliches Drama 102$
und das vermeintliche Mädchen lehrt sie nun küssen, und als er dann end-lich ans Ziel seiner Wünsche gekommen ist, fragt sie ihn in bodenloser Ein-falt nach allem aus und begehrt neue Liebe. Nachdem Pyrrhus sieben Tageund Nächte bei ihr geweilt hat, verläßt er ihr Haus. Dem Vater aber, alser sie in anderen Umständen sieht, versichert sie, daß sie nie einen Mannerblickt habe, und schließlich weiß er nichts Besseres, als Alda mit Pyrrhuszu verheiraten.
Das Stück beruht also auf der gelungenen Verkleidung des Pyrrhus undder grenzenlosen Einfalt der Alda. Es besitzt viel antike Züge, die aber mitzeitgemäß gewählten Gedanken versetzt sind; 1 auch die Namen der Per-sonen sind mittelalterlich gegeben. 2 Auch zeigt sich, daß Wilhelm mit derfrüheren Komödie eines Vitalis und anderen in Zusammenhang steht. Wennnun auch die Verbreitung des Gedichts nach der Überlieferung keine großegewesen sein kann, so läßt sich seine Kenntnis doch bei einer Reihe vonspäteren Dichtern ermitteln und zwar bei Heinrich von Settimello, in derKomödie De Paulino et Polla und besonders bei Albert von Stade. 3 Er-wähnung der Komödie in alten Katalogen fand ich nur in Leitzkau s. XII —XIII 4 und bei Amplonius.
Zeugnisse. Im Prolog heißt es Vs. 9 Versibus ut pulicis et muscae iurgia risi, Occurritnostro mascula virgo stilo; 13 Venerat in linguam nuper peregrina latinam Haec de Me-nandri fabula raptasinu: Vilis et exul erat et rustica plebis in ore, Quae juerat comis vatisin ore sui. Dumque novi Studium comoedi quaereret illa, Quem vice Menandri posset haberesui, Me pro Menandro voluit sibi reddere longe Impar proposito materiaque minor; 23 Exeocomoedum, fines comoedia transit Nostra suos, miscens non sua verba suis. Inveniet lascivanimis sua verba pudicus Lector: materiae, non mea culpa fuit. Die Prosodie des Gedichtssteht auf der Stufe der Zeit, die Elision ist verhältnismäßig selten gebraucht und derReim ist nicht gesucht. Auch seltene Worte sind wenig angewendet, wie 164 dispariatund 175 caprizans, 187 iambicat (196 cerebrosus aus Horaz, 315 furcifer aus Terenz). VonStellen aus alten Dichtern notiere ich 5 151 Jam matura toro plenis adoleverat annis Verg.Aen. 7, 53; 165 et caeco carpilur igne Aen. 4, 2; 291 genialis agalur . . . ista dies Juv. 4, 66.
Ueberlieferung im Harlei. 3872 f. 170a—173a; Lambac. 100 s. XII f. 40. 64. 49a—54b; Vindob. 303 s. XIV f. 158—163, 312 s. XIV f. 40b—49b. Laurent. 33, 31 f.69b—71(von Lohmeyer nicht benutzt). Auszüge im Paris. 15155 s. XIII f. 40b—45b. Berol.Diez. B. Santen. 60 f. 3a; Leid. Bon. Vulcanii 48 s. XIII f. 33; Gotting. phil. 130 (undandere Hss. des Poleticon, s. E.Voigt, Ysengrimus p. CXXI ff. und Lohmeyer S. 46f.).Ausgaben von Th.Wright, A selection of latin stories p. 179; Dumeril, Poes. ined.p. 425—442; Guilelmi Blesensis Aldae comoedia ed. Gar. Lohmeyer, Lips. 1892. Vgl.Cloetta S. 76 f. R. Peiper im Archiv f. Literaturgeschichte 5, 523 ff. Faral a.a.O.p. 336—342. W. Creizenach, Gesch. d. neu. Dramas 2 1, 26—28.
4. VERSUS DE AFRA ET FLAVIO
Diese Tragödie von 117 Distichen ist von einem unbekannten Dichter 6wohl im 12. Jahrhundert verfaßt worden. Sie enthält zugleich derbe undromanhafte Züge und trägt insofern deutlich den Stempel der Erdich-tung. Nachdem Flavius' und Afras Ehe lange Zeit die Kinder versagtblieben und der herbeigerufene Arzt daran dem Manne die Schuld gibt,will dieser in die Ferne gehen, wohnt aber in der Nacht vor seinemReiseantritt noch einmal seiner Frau bei. Nachdem er abgereist ist, er-
1 Vgl. hierüber die Ausgabe von Loh- 4 Serapeum 6, 20.
meyer S. 20—24. 5 Vgl. Lohmeyer S. 83f.
3 Vgl. Lohmeyer S. 26ff. 6 Daß Matthäus von Vendome oder Wil-
Hierüber und über sonstige Benutzung heim von Blois kaum in Betracht kommen,
s- Lohmeyer S. 34ff. s. bei Cloetta S. 121 und n. 4.