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3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
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G. Weltliches und geistliches Drama 1015

GWELTLICHES UND GEISTLICHES DRAMA

I. DIE ELEGISCHE KOMÖDIE UND TRAGÖDIE

Im Mittelalter wußte man ungefähr, was eine antike Komödie war: Hrots-vit hatte sechs Komödien gedichtet, in den meisten Bibliotheken besaßman den Terenz, den Plautus allerdings nur in ganz wenigen. Und auchaus Isidor 1 und aus dem Liber glossarum 2 konnte man noch erfahren, waseine antike Komödie zu bedeuten hatte, obwohl Isidor schon von alten undneuen comici spricht. 3 Sehr bedenklich aber sieht es bei Papias (Bd. 2,717 ff.)und bei Johannes de Janua (ca. 1280), den mittelalterlichen Erklärern an-tiker Begriffe, mit der Kenntnis über das alte Drama aus. Nach ihnen fängtdie Tragödie heiter an und schließt traurig, umgekehrt die Komödie. DieTragödie ist in erhabenem Stil verfaßt, die Komödie in alltäglichem, dieTragödie behandelt erschütternde Ereignisse aus dem Leben von Königenund Fürsten, die Komödie befaßt sich mit den Angelegenheiten von niedrig-gestellten Personen. 4 Auch hat man in jenen und noch in späteren Zeitenwunderliche Etymologie der beiden Worte comoedia und tragoedia gegeben. 5Und ohne von der Inszenierung und Aufführbarkeit der alten Stücke eineAhnung zu haben, hat man selbst in elegischer Form Dramen gedichtet,die vielleicht doch nicht nur zum Lesen bestimmt waren. Denn ganz ohneZusammenhang mit dem antiken Drama sind diese Komödien und Tragödiennicht gewesen, da die ältesten uns erhaltenen Stücke stofflich sich an Plautusoder vielmehr an plautinische Nachbildungen anlehnen. 6 Vgl. besondersW. Creizenach, Geschichte des neueren Dramas (2. Aufl.) 1, 840.G. Cohen, La comedie Latine en France au XIP et XIIP siecle (1929 an-gekündigt), derselbe Bevue des etudes latines 1928.

1. VITALIS VON BLOIS

Daß ein Vitalis aus Blois zwei Komödien gedichtet hat, steht fest, aberseine Zeit ist noch unbestimmt. Jedenfalls lebte er vor Matthäus vonVendöme (ca. 1160), da dieser in den Aequivoca den Vers Geta 168 anführtund der Bern. 702 im 12. Jahrhundert geschrieben ist. Besondere Zeichender Zeit lassen sich aber in den zwei Stücken nicht entdecken, 7 nur warVitalis jedenfalls nicht der erste, der elegische Komödien schrieb; sein Stilist nämlich so kurz und knapp und so fest ausgebildet, daß man ohneweiteres an Anlehnung an frühere Muster denken muß, die schon einengewissen Stil dieser Gattung repräsentierten. Die Schreibweise des Vitaliszeigt aber wegen der sehr zahlreichen Asyndeta und wegen der dahereingetretenen gewissen Überhastung sehr große Ähnlichkeit mit der des

1 Etym. 8, 7, 511. 5 Vgl. Cloetta 1 S. 4650.

2 Vgl. Usener, Rhein. Mus. 28, 418ff. 6 Zu den Stücken vgl. E. Faral, Romania

3 Et. 8, 7, 7 Veteres qui et ioco ridiculares 50, 321385.

extiterunt ut Plautus Aerius Terentius. Novi ' Außer daß sich der Amphitryon gegen

qui et Satirici, a quibus generaliter vitia car- die Scholastik richtet, die er gehörig ver-

puntur utFlaccus, Persius, Iuvenalis et alii. spottet. Und aus diesem Grunde ist die

4 Vgl. W. Cloetta, Beitr. z. Litgesch. d. Hinaufrückung des Vitalis ins 11. Jahrhun-MA. u. d. Renaiss. 1, 28. dert nicht möglich.