F. Weltliche und geistliche Lyrik 1013
ben- und ein Achtsilber. 1 Viel künstlicher in der Form ist das dritte von dreiStrophen zu sechs Zeilen; auf einen Elfsilber folgen ein Zwölfsilber, drei Sieben-silber, ein Zwölf silber. 2 Herrat ermahnt hier Sion mit Trauern aufzuhören,denn Christus sei heute geboren und das Kind schreie in der Wiege, dessenLeib die Speise für die Gläubigen werde. Ein Lied auf Christi Beschneidung 3fordert den Christen dazu auf, an jenem Tage Herz und Seele zu erneuern;fünf Strophen zu je fünf Zeilen — ein Achtsilber, ein Neunsilber, ein Acht-silber und zwei Elf silber, diese beiden als Refrain — bilden das Lied. 4 Ineinem weiteren Gedicht, das aus einer Strophe von neun verschiedenen Zei-len, also aus völlig freien Rhythmen besteht, wird Christi Kindheit ausseinem Geschrei, den Windeln und der Wiege gepriesen. Aus diesen sehrverschiedenartigen rhythmischen Maßen wird man erkennen, daß Herrat,die ihren Gedichten fast stets die musikalische Begleitung beifügte, formalin hohem Grade geschult war.
Das Gedicht De eo quod Adam de vetito pomo comedit, das der Be-gleitung durch Noten entbehrt, besteht aus fünf Strophen von je zwölf Zei-len, und zwar dreimal je zwei Viersilber und ein Siebensilber sowie dreiZwölfsilber. 5 Es schildert wie Eva der Schlange gehorchte, um wissend zuwerden, und daß ihr Adam folgte. Gott aber erbarmte sich der Menschheitund starb für sie, um sie dem Tode zu entreißen. In einem weiteren GedichtDe primo nomine heißt es, daß der erste Mensch von der Schlange verführtwurde und seine Heimat verlor und damit allen Gefahren ausgesetzt wurde;doch Christus erbarmte sich seiner. Und der Teufel sucht sich die Bösen zuseinen Knechten aus und wirft sie dann in die Hölle, deren Qualen nunanschaulich erzählt werden, wobei auch das Gericht, das der Höllenfürsthält, eine Rolle spielt. Demgegenüber werden die Schönheiten des ewigenLebens ausgemalt. 6 Ein kurzes Gedicht De domino nostro Iesu Christo vonacht Strophen zu sechs Zeilen 7 enthält eine Bitte an Christus, das Herz derNonnen zu heiligen, um die Gefahren der Welt zu bestehen.
Die letzten Gedichte 8 sind mehr didaktisch und epigrammatisch gehaltenund einige sind von Herrad andern Dichtern entlehnt. Das erste De lapsucarnis in 74 leoninischen Distichen ■— Vs. 95 ist ausradiert — ist eine ein-dringliche Mahnung an den Christen. Der Mensch, heißt es, soll durch dasGedicht erkennen, wer er sei und was er habe. Er braucht Nahrung undKleidung, Ruhe und Arbeit und sein kranker Körper wird durch den Arztgeheilt. Hierauf werden die Untugenden durchgegangen, 9 besonders gula undlibido. Der Mensch müsse sein Fleich bezwingen und Ohr und Auge vor Bösemhüten. Er muß wohltätig sein, den Reichtum verschmähen und gedenken,daß er Staub sei. Außerdem müsse der Mensch wissen, daß der Teufel inder Todesstunde seiner begehren und Klage über ihn bei Gott führen werde;dieser sei freilich ein besserer Richter als der weltliche, der sich bestechen
1 Mit dem Reim aaa bbb a. ' Zweimal je zwei Viersilber und ein
2 Mit dem Reim aaa bb a. Siebensilber. Reim aab ccb.
3 s A. a. 0. S. 138. * Reim aaa bb. 8 Engelhardt S. 153—169.
5 Mit dem Reim aab ccb aab ddd. 9 Vs. 28 Fervet avaritia, rumpitur invidia =
6 Das Gedicht besteht aus 140 Sieben- Hör. Ep. 1, 1, 33 + Mart. 9, 97, 2.silbern, die paarweise gereimt sind.