F. Weltliche und geistliche Lyrik 1011
Bibel, aus den Kirchenvätern und Kirchen- wie Profanschriftstellern derspäteren Zeit. Die Sammlung ist so geordnet, daß die Auszüge über den-selben Gegenstand aus verschiedenen Quellen sich unmittelbar folgen, wo-bei der Abschnitt besonders überschrieben wird und Angabe der Urschriftoder Quelle erfolgt. An manchen Stellen des Werkes hat Herrat eigene Ge-dichte eingeschaltet — daher wird die Kompilation an dieser Stelle behan-delt —, aber auch Verse andrer Dichter werden von ihr nicht selten ge-braucht. Wenn die heilige Geschichte dazu Veranlassung gibt, so werdenAbschnitte über weltliche Wissenschaft eingeschaltet, doch wird dabei be-merkt, daß solche Dinge nicht aus heiliger Quelle stammen; 1 Herrat setztwohl auch hinzu, daß diese weltliche Weisheit auch vom hl. Geiste ein-gegeben worden sei. 2 Aber auch sonst offenbart sich Herrat völlig als Kindihrer Zeit: Nicht das Wissen von Tatsachen ist ihr die Hauptsache, sondernderen mystisch-allegorische Deutung, die daher auch den meisten Raumerhält. Doch hat sich Herrat nicht nur durch das Wort ausgesprochen, sieäußert sich auch in sehr ausgiebiger Weise durch Bilder, die nicht nur sorg-fältig gezeichnet, sondern auch koloriert sind und ein sehr reiches Abbildvom damaligen Leben zeigen; denn Herrat kleidete das ganze Leben der Ver-gangenheit in das Gewand der eigenen Zeit. Daher bietet die große Kompi-lation nicht nur ein deutliches Bild vom Wissen des Klosterklerus im12. Jahrhundert, sondern sie ist auch kunstgeschichtlich von hervorragenderBedeutung.
Zu den von Herrat benutzten und genannten Quellen gehören zunächstdie Väter von Clemens Romanus und Irenäus an bis auf Isidor und Beda.Aus der späteren Zeit benutzt sie Smaragd, Frechulph, Ivo von Ghartres,Anselm von Canterbury, Honorius Augustodunensis, Rupert von Deutz,Petrus Lombardus und Petrus Comestor. Von Anselm überliefert Herratein längeres und in dessen Werken nicht gedrucktes Gedicht De sacramen-tis novi sacrificii. Viel verdankt sie einem Werke Aurea gemma, dem sieallerhand Notizen aus der Kosmologie, Astronomie, Geographie, Chrono-logie und Agronomie entnimmt, 3 obwohl sie nebenbei Stücke ,ex quodam astro-logo' abschreibt. Außerdem benutzt sie ein Speculum ecclesiae, ein SpeculumMariae, einen Raimund von Marseille, des hl. Silvester disputatio contra Iu-daeos (?), die Schrift eines Leonhardus confessor 4 und die Vitas. Serrati. 5
Der Hauptinhalt des Werkes, in dem sich also Wort und Bild ergänzenund an dem auch die Musik durch Vertonung der rhythmischen Gedichteteilnimmt, ist nach Engelhardt 6 folgender. Der Anfang handelt von Gottund den Engeln und der Dreieinigkeit und bietet daneben vielfache Aus-züge über Kosmologie und über allerhand natürliche Dinge mit Zeichnungendes ptolemäischen Weltsystems. Es folgt dann die Schöpfung des Menschensowie die folgenden Ereignisse vom Sündenfall bis zum Turmbau von Babel;mit diesem in Verbindung spricht Herrat über die Abgötterei, die sich in
1 Haec omnia scrutatl sunt philosophi per mundi gesprochen wird.mundanam sapientiam. 4 Ob die Vita Leonardi Corhiniacensis '!
quam tarnen inspiravit Spiritus sanctus. 6 Von diesem Heiligen, falls sein Name
Vgl. hierzu Engelhardt, Herrad von richtig überliefert ist steht bei Potthast
Landsperg etc. (Stuttg. 1818) S. 25, wo nichts; vielleicht ist Servati zu lesen,über Aehnlichkeiten mit Honorius de imag. 6 A. a. O. S. 26—61.64«