F. Weltliche und geistliche Lyrik 1003
deSaint-Victor,Paris 1881. S.M.Deutsch, Protest. Realencyclopädie 1,163. Haureau,Hist. litt. 29, 584—606.
Von Prosawerken Adams scheint nicht viel erhalten zu sein. Nämlich diein Paris. 14504 und 14795 vorhandene Summa magistri Adae Britonis ca-nonici s. Victoris de vocabulis bibliae gehört nicht ihm, sondern dem Mino-riten Guilielmus Brito, der, wie Haureau p. 587 nachwies, nicht ins 14. son-dern ins 13. Jahrhundert zu setzen ist, da er mehrfach von Roger Bacobenutzt wird. Adam war aber schon geraume Zeit tot, als das Glossar ver-verfaßt wurde (Haureau p. 589f.). Vielleicht gehört dem Adam das noch un-gedruckte Werk De discretione animae et spiritus, ein psychologischerTraktat Außerdem bewahrte die Sorbonne 1338 Super cantica exposicioAdae de s. Victore, an anderer Stelle Postille Adam de s. Victore genannt. 1
Die Bedeutung Adams liegt aber auf anderer Seite, nämlich in seinerliturgischen Dichtung. Es haben sich 45 Sequenzen von ihm erhalten. Siebeziehen sich auf die christlichen Hauptfeste, auf die Apostel und Mariaund auf mehrere hervorragende Heilige von Paris und überhaupt vonFrankreich, nämlich Genovefa, St. Victor, Leodegar, Dionysius und Mar-tinus, endlich auf Thomas Becket. Besondere Beziehung auf die eigne Stif-tung Adams haben die Sequenzen N. 25 und 29. 2 Die Gedichte auf dieHauptfeste bedienen sich der in der liturgischen Dichtung üblichen poeti-schen Bilder sowie der gewohnten Ausdrucksweise und Sprache und For-mengebung, sie zeigen keine besondere Abweichungen davon auf. 3 Die Se-quenzen auf die Heiligen benutzen deren Lebensbeschreibungen und brin-gen mehrfach einen ziemlich reichen, daraus entlehnten Stoff zum Aus-druck. Sehr lebendig ist das Gedicht N. 40 auf den hl. Martin gehalten,wo Strophen und Halbstrophen den Auftakt ,Hic Martinus' besitzen undwo 7, 5 auf sein Leben von Sulpicius Severus hingewiesen wird. Ein Stück,N. 44, ist ein Lied De quolibet sancto. Besonders künstlich ausgedachteStrophen verwendet Adam nicht, aber er verfügt über eine nicht geringeAbwechslung und über einen großen Reichtum in der rhythmischen Ge-staltung. Und wenn auch der Schwung seiner dichterischen Phantasie ihnnicht neben die höchsten Vertreter der religiösen Poesie des Mittelaltersstellen kann, so muß man doch seine Sprache als edel und schön rühmenund die flüssige Gewandtheit und die Klarheit seines Stils hervorheben.
Die Rhythmik hat bei ihm einfache, aber meist strenge Formen. SeineStrophen bedienen sich der Sechssilber, die von vier bis zu zehn Versenzusammengestellt werden, der Siebensilber von zwei bis zu zehn Versen,der Achtsilber von zwei und vier, der Zwölfsilber von vier Versen. Am häu-figsten ist die Zusammenstellung zweier Acht- und eines Siebensilbers fürStrophe und Gegenstrophe, doch treten auch gemischte Verse nicht seltenauf. Die strophische Gliederung bei Adam ist meist einfach, wie auch dieVerschiedenheit der zur Anwendung kommenden Zeilenarten nicht großeAbwechslung verrät. 4 Kräftig wirken die reinen und flüssigen Reime, dieden Strophen ein besonderes Leben verleihen.
1 Delisle, Le cab. des mscr. 3, 73 F 6 = 4 Vgl. N. 38 p. 215 in der Ausgabe von
3> 93 Fe. Misset et Aubry. Zu den Strophen vgl.
1 ed. Misset et Aubry p. 197 und 202. diese Ausgabe p. 28—45, zu den rhythmi-
So besonders N. 38 p. 215f. sehen Regeln p. 48—55.