F. Weltliche und geistliche Lyrik 997
m) Weltliche Stoffe
In manchen Liedern mischt sich der religiöse Stoff stark mit weltlichen Gedanken,wie in folgenden Stücken. Ein Kreuzlied von seltsam gemischten Formen (vier trochä-ische Acht- und drei Siebensilber, ein jambischer Achtsilber und zwei daktylische Sechs-silber, Reim ababbbbaab) fordert zur Beteiligung am Kreuzzuge auf und lädt dieeinzelnen Nationen zum Kampf gegen die Heiden ein, zuerst die Franzosen, 1 dann dieItaliener, die Deutschen, Engländer, Spanier, Ungarn und Alanen (sechs Strophen zuzehn Zeilen; aus Carnot. 341 bei Dreves, Anal. 10, 7f.). In De vitiis curialiumvon fünf Strophen zu elf Zeilen (acht jambische Acht- und drei Viersilber, Reimaaaaabbbbba) heißt es: Ueberall an den Höfen herrscht Untugend, denn die Paläste wer-den von der Tugend nicht aufgesucht. Aber gerade deshalb meide ich die Höfe nicht,sondern mache das Leben dort mit. Freilich kann es einem passieren, daß man am Abendnoch in allen Ehren ist und schon am Morgen hinausgeworfen wird 2 (aus Mus. Brit. Arun-del 201 s. XIII bei Dreves, Anal.21,134 N.192). Das Gedicht De malo pecuniae infünf Strophen zu neun Zeilen (vier jambische mit fünf trochäischen Sechssilbern abwech-selnd) spricht von der Übeln Macht des Geldes: Alles andre außer dem Geld hat keinenSinn mehr, da das Geld ja alles vermag. Das Geld gibt die Stellen und verleiht Wissen-schaft und niemand ist so töricht, daß er dessen Wert nicht erkennt, denn auch der Vor-nehme gilt nichts ohne Geld 3 (ausOxon. Rawlinson C 510 s. XIII, Laur. Plut.29,1 s. XIIIbei Dreves, Anal. 21, 149 N.214). Ein Gedicht auf den Hof, O curas hominum beginnend,führt aus: Wer der Treue der Hofleute traut, der würde als Pylades den Orest verlassen,denn hier herrscht Proteus und das Spiel des Würfels. Wenn du nichts hast, so gehenicht an den Hof, denn du richtest nichts aus. Aber beim Klange des Geldes kannst dudie Gesetze beliebig auslegen und Geld mindert die Strafen (drei Strophen zu zwölf Zei-len von künstlichem Bau, Reim abbacddcefef; aus Laur. Plut. 29,1 s. XIII bei Dreves,Anal. 21, 151 N. 216). In einem Vitam duxi Iucundam beginnenden Stück erzählt derDichter, daß er während seiner Liebe ein angenehmes Leben geführt habe, doch er kehrezu den ernsten Studien zurück, um seinen guten Ruf nicht einzubüßen. Aber es sei gut,daß er die Liebe kennen gelernt habe, da er sie so besser vermeiden könne; nie wiederwerde er sich diesem Rausche ergeben (drei Strophen zu 16 Zeilen Drei-, Vier- und Sieben-silber, 1 aus Laur. Plut. 29, 1 s. XIII bei Dreves, Anal. 21, 156 N. 222). Das KreuzliedDe excidio Hierosolymorum bejammert das unglückliche Schicksal von Jerusalem,das in die Hände der Heiden gefallen sei. Das christliche Volk dort wird geschlachtet,alt und jung getötet. 5 Die Wahrheit wird von der Lüge geschoren,? Christus hängt amKreuz ohne Inschrift und die Christen rufen die Vorübergehenden um Beistand an. Mö-gen die Könige ausziehen und diese Schande tilgen! Und auch die Bewohner von Akkonwerden getötet, Vornehme wie Sklaven, 7 die Besatzung von Berytos ist gefangen, dieStadt eingenommen. Und nach Syrien kommt Cilicien — so ist wohl 10, 7 statt Siciliazu schreiben — an die Reihe (zehn Strophen zu acht Zeilen, vier trochäische Acht- dreiSieben- und ein Sechssilber, Reim aaaabbba; aus Salisb. a. IX. 20 bei Blume, Anal. 33,315 N. 265). In der Sequenz Planctus pro diuturna captivitate terrae trans-marinae per Saladinum wundert sich der Dichter, daß so wenig Klagegesang überdie Zustände im Orient erschallt. Mag die Kirche trauern, mögen unsre Fürsten erröten,daß sie das Kreuz nicht nehmen! Betet aber zu Gott, daß er das Volk der Ungläubigenvon den heiligen Orten vertreibe, nachdem diese durch unsre Sünden in die Hände derFeinde fielen! Ein neuer Jeremias müßte jetzt aufstehen, da die Völker der Heiden alleHeiligtümer besitzen. Und so möge Christus helfen, das heilige Land zu befreien (vierDoppelstrophen von zwölf bis acht Versen von sehr verschiedener Bauart und Reim,aus Trec. 990 s. XII/XIII bei Blume, Anal. 33, 319 p. 267). Ein in sehr rohem Latein 8geschriebenes Lied ist das Gedicht Philomela in 16 Strophen zu je drei Acht- und dreiSiebensilbern: 0 Im Himmel ertönen die Stimmen, die Gott loben, denn als er die Erdeschuf, hat er alles Lebende geschaffen. Wenn der Frühling aber auf Erden weilt, dann er-schallen die Lieder der Vögel, namentlich das der Nachtigall. Nun wird diese gepriesenund erhoben und zugleich gebeten, mit ihrem Lied aufzuhören, um den Schlaf der Men-schen nicht zu stören (aus Paris. 1118 s. X bei Blume, Anal. 33, 343 N. 279). Ein sen-
1 Also stammt es aus Frankreich, wie auch 6 4, 1 Alathia ... a Pseusti decalvaturdie Ueberlieferung besagt. nach den beiden in Theoduls Ekloge auf-
2 3,9IamlucisortosidereEiectumtereperies. tretenden Personen.
5, 8 Eliam nobilis Pauper iacet vilis 7 9, 3 littensis (pedes) des zu den Liten
(Ov. Fast. 1, 218). (Freigelassenen) gehörigen Mannes.
4 Reim abccdebffdeeebee. 8 Vgl. 3, 8 arida ab aequora; 5, 3 humus
Mit der gewohnten Uebertreibung ist das fert. . . copia titanica.
gesagt. » Reim a bcbdb.