Druckschrift 
3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
Entstehung
Seite
995
Einzelbild herunterladen
 

F. Weltliche und geistliche Lyrik 995

sind zur Schule gegangen, die aus manchem rohen Klotz schon einen Hofmann gemachthat. In der Schule gibt es keine Muße und die sieben freien Künste kann man nur dorterlernen. Wer da seinen Rücken unter die Rute gebeugt hat, ist oft ein berühmter Manngeworden. So mögen die Kleriker aller Grade nächst Gott der Schule danken, die siezu ihrer Stellung erzog. Allerdings es gibt dort strenge Zucht, und wer nicht gehorchenkann, dem wird das Lernen in der Schule schwer. Heute aber ist ein freier Tag und dieRute'hat Ruhe. Das Gedicht besitzt zwölf nicht stets streng und regelrecht gebauteWantenstrophen (aus Sangall. 656 und Monac. 14529 s. XV bei Blume, Anal. 33, 327N.272). Im Gedient Proverbia von 15 Strophen zu je sechs Sechssilbern 1 werdenfünfzehn sprichwörtliche Redensarten in ihrem Sinne erweitert und in Bezug zum ge-wöhnlichen Leben gesetzt, wie 4 Mus leve capitur, Quod semper utitur Uno refugio:Leve deeipitur, Qui semper utitur Uno consilio (aus Paris. 15155 s. XIII bei Blume,Anal. 33, 334f. N. 275).

k) Klagen gegen Rom und Kirche

Bin scharfes Gedicht gegen einen Papst Honorius (III. ?) beginnt mit Lyramquam suspenderam in 16 Vagantenstrophen: Ich hatte, sagt der Dichter, meineLeier schon aufgehängt, doch will ich sie wieder ertönen lassen, und jüngere Kle-riker mögen hören, was ich über Prälaten zu sagen habe. Zuerst will ich die Wortedes Papstes Honorius bringen, die er in meiner Gegenwart auf einem Konzil sprach:Die Summen, die für Pilger und Fremde ausgesetzt sind, mögen fortan unsreKardinäle und die Dienerschaft beziehen, damit sie ihren schweren Dienst gut ver-richten. Und was wir sonst für Gelder ausgesetzt haben, ziehen wir hiermit zurück,damit niemand des Geldes wegen unsern Hof aufzusuchen bestrebt sei. Und so kommtalle, die ihr mordbefleckte Hände habt, an den Hof des Oberhirten ohne Furcht umden Lohn für eure Tat." Auf solche Weise des Fuchses tröstete der Papst den Klerusund hob das Konzil auf und vereinte die Schätze der Reichen und das Scherflein derArmen mit seinem Besitz. Kommst du also nach Rom, da halten die Notare und dieTürsteher die Hände offen, der Papst hat alle Scham verloren und rupft den ärmstenSklaven. Und in Rom jemand zu glauben ist gefährlich, denn der niedere Klerus ahmtdas Haupt nach; und gehe nicht dorthin ohne silberne Geschenke, sonst bleibe ruhig zuHause (aus Vorauiensis 374 s. XIV bei Blume, Anal. 33, 302f. als Anhang von N.261).Eine Lamentatio in sechs Strophen von zehn Zeilen Vier- bis Achtsilber 2 richtet sichgegen die Prälaten, die gegen Gottes Wort handeln, weltlich leben, das Eigentum derWitwen aufzehren und der Gemeinde keine Führer sind, sondern die Kirche verwildernlassen und kein Mitleid kennen. Möchten diese Kinder der Bosheit, die uns nichts geben, 3schnell sterben, aber die Mildtätigen ein langes Leben haben (aus Stuttgard. HB I Asc. 95bei Dreves, Anal 21, 142 N.202). De maus monachis ist ein Rhythmus von sechsStrophen von je 16 Zeilen abwechselnd Vier- und Sechssilber mit wenig Reim. Der Dich-ter versichert ins Kloster gegangen zu sein, um vor den Stürmen der Welt sicher zu leben,aber dort seien nur die Laster verborgen geblieben. 4 Jetzt werden die Mönche von allenUntugenden geziert, also das Gewand macht nicht den Mönch. Ueberall auf Erdenist Jammer, die Söhne der Rachel sind gefallen (aus Ebroic. 2 s. XIII bei Dreves,Anal. 21,192 N. 190). De simonia, in sieben Strophen zu sieben Zeilen (drei trochäischeAcht-, vier Siebensilber, Reim ababbab). Heute, sagt der Dichter, fehlt die Liebe,dafür werden die geistlichen Aemter um Geld verkauft. Wer am meisten bietet, wirdBischof oder Dekan. 5 Das Gesetz schweigt, Luxus und Raub herrscht, aber um Geldkannst du in Rom die Quadratur des Zirkels bewirken 6 (aus Stuttgard. HB I Asc. 95bei Dreves, Anal. 21, 151 p. 217). Antikes mit Modernem verbindet der Diogeniscum Aristippo dialogus, in Sequenzenform gedichtet, vier Doppelstrophen von drei-zehn bis zehn Versen mit künstlichen Reimen. Diogenes ist nach Rom gekommen undweiß nicht, was er dort tun soll. Als er den Aristipp um Rat fragt, wobei er gleich an-fangs äußert: 7Lügen kann ich aber nicht", führt ihn dieser in die Gewohnheiten derKurie ein. Diogenes meint aber, da könne er nicht mitmachen, und so rät ihm Aristipp,entweder fortzugehen oder sich an die Lüge zu gewöhnen. Da flucht ihm Diogenes undso kann ihm Aristipp nur raten, der Zyniker zu bleiben, der er war (aus Laur. Plut. 29,1

1 Reim aabaab. 3, 20 und Ovid. Rem. 739.

2 Reim abbbecedde. 6 5, 5 die schöne Etymologie Unde rede

3 Man hat es also hier mit einem richtigen dicilur: Roma quasi rodens manus.Vagantenlied zu tun. 6 Am Schluß 7,1 Bursa quadrans est figura,

4 2, 13f. ist 2 Petr. 2, 22. 2, 15 Sed retror- Circulus denarii, Quem dum bursat bursatura,sunt Nulla vestigia Hör. Ep. 1, 1, 74f.; 3, 9 Signum est indieii.

in mundo sunt Acroceraunia vgl. Hör. C. 1, ' la, 5 Mentiri nescio.63*