F. Weltliche und geistliche Lyrik 991
mit dramatischer Kunst und sehr eindrucksvoll erzählt. Sie besitzt zwölf Doppelstro-phen, von denen 1—4 und 7—11 zweimal je zwei trochäische Acht- und ein Siebensilber,5 6 vier Acht- und vier Siebensilber und 12 ein Acht- und ein Siebensilber bilden (ausGraec. 769 s. XII, Monac. 3914 s. XIII und vielen andern bei Dreves, Anal. 55, 226f.N.202; auch in den Carm. Burana N. 207 p. 111, wo aber Str. 19—22 fehlen; N. 22* H). DenHauptheiligen Frankreichs besingt die Sequenz De s. Martino Turonensi, die nurganz kurz die Hauptereignisse seines Lebens berührt und Str. 9 erwähnt, daß Severinus 1Zeuge seines Todes gewesen und daß Sulpicius der Verfasser seines Lebens sei; sie besitztsechs Doppelstrophen von je sieben Zeilen, vier Vier- und drei Sechssilber, Reim abcbdba(aus Assis. 695 s. XIII und Paris. 15615 s. XIII und vielen andern bei Dreves, Anal.55 278 N. 248). Bedeutend schöner ist eine zweite Sequenz auf St. Martin, die aus Vor-str'ophe und elf Doppelstrophen besteht. Der Dichter bleibt hier wenig bei den realenLebensverhältnissen des Heiligen, sondern schwingt sich zu echt dichterischem Lobedesselben auf, den er mit Joseph vergleicht und zu dem er die Bürger von Tours be-glückwünscht; gleich sind die Strophen 1. 3—6 und 9. 10, die übrigen sind ungleich.Formal sehr bunt ist die Sequenz De s. Nicoiao Myrensi aus Seckau oder aus St.Florian, die die Geschichte des Heiligen berichtet und aus dreizehn Doppel- und einerSchlußstrophe besteht; von den ersteren sind gleich gebaut 1. 3, 2. 4—6. 9, 7. 8. 10. 13,so daß mit den zwei verbleibenden fünf verschiedene Rhythmen auftreten (aus Graec.1584 s. XII, Vindob. 13314 s. XII und vielen andern bei Dreves, Anal. 55, 296f. N. 265).In einer Eingangs- und neun Doppelstrophen von je drei Zeilen (zwei Acht- und einSiebensilber) schildert die Sequenz De s. Petro die Tätigkeit des Heiligen nach denEvangelien und der Apostelgeschichte. Die Sequenz De s. Vincentio Caesaraugu-stano gibt einen sehr ausführlichen Bericht über das Martyrium des Heiligen in Str. 5—■24, nachdem der Dichter in den Eingangsstrophen aufgefordert hat, den Heiligen zufeiern; sie besteht aus zwölf Doppelstrophen, von denen 1—4 und 8. 10. 11 gleich ge-baut sind, während 5. 6. 7. 9.12 ungleichen Bau zeigen, so daß sich hier sieben verschie-dene Rhythmen finden (aus Paris. 778 s. XII, Assis. 695 s. XIII und vielen andern beiDreves, Anal. 55, 377f. N. 339). Die siebzehn Hexameter der Visio s. Morandiabbatis (Altkirch im Sundgau) enthalten zumeist in jedem Verse zwei Fragen und Ant-worten. Morand hat eine Vision des toten Bernhard von Clairvaux, und dieser gibt ihmals Antwort auf die Frage, was sein Name bedeute, den Bescheid: Bona nardus (ausAltovad. 60 s. XV und Vindob. Pal. 1946 bei Dreves, Anal. 15, 239 N. 220).
e) Biblische Stoffe
Ein Gedicht von 20 Strophen der verschiedensten Art von vier bis vierzehn Ver-sen ist der Planctus Samsonis: Simson wird im Gefängnis erblickt und gefragt,wer ihn dahin gebracht habe. Er erzählt seine Taten, die er verrichtet hat, um Dalilazu gewinnen. Nun wird Dalila redend eingeführt, indem sie Simson umschmeicheltund ihm sein Geheimnis ablocken will, das er denn auch preisgibt. Er erzählt dannweiter, daß ihn das Weib überlistet und die Heiden herbeigerufen habe; er sei daraufgeblendet worden und liege nun im Gefängnis, von allen verspottet. Doch er werde sichrächen, wenn ihm die Haare wieder wüchsen. „Und als das Fest kam, sollte ich vor ihnenspielen, das tat ich, aber ich erfaßte die Säule und riß an dreitausend Menschen ins Ver-derben." Die Erzählung ist danach sehr wenig kunstvoll, indem solche mit eignemBericht abwechselt (aus Stuttgard. HB I Asc. 95 bei Dreves, Anal. hymn. 21, 169N. 239). Ganz allegorisch gehalten ist der Thronus Salomonis, eine in der üblichenmittelalterlichen Weise gehaltene Deutung des Thrones Salomos in dreizehn Vaganten-strophen mit dem Reim abcbdbeb (aus Stiriac. L 26 bei Dreves, Anal. hymn. 33, 323f.N. 268).
f) Kirchliches und Dogmatisches
Von der Wende des 12. zum 13. Jahrhundert stammen bie beiden AbecedarienPlanctus Ecclesiae, die wegen der Gleichheit ihrer Form demselben Verfasser beUzulegen sind. Beide haben 22 Strophen von sechs Zeilen (3 Acht-, drei Siebensilber,Reim ababab). Im ersten beklagt die Kirche ihre Trennung von der des Orients undzählt die Völker auf, die zur griechischen Kirche gehören; dann bedauert sie, daß soviele Häresien vorhanden seien, von denen einige, zuletzt die Waldenser, 2 ebenfallsnamhaft gemacht werden. Im zweiten klagt die Kirche darüber, daß sie Bethlehemund Jerusalem verloren habe und daß sie aus Kleinasien verjagt sei, nur noch in
1 So statt Severus; der Dichter scheint 2 1, 20, 1 Valdenses vocijerantes Diversisden Sulpicius für eine von Severus verschie- erroribus.dene Person zu halten.