F. Weltliche und geistliche Lyrik 979
Rheinländer, da ihn seine Gedichte in enger Verbindung mit dem KölnerErzbischof zeigen, und er mag um 1130 geboren sein. Er stammte ausritterlichem Geschlecht, da er aber den Krieg verabscheute, so war ergeistlich geworden und hatte das Dichten gelernt. Ob er in Frankreich stu-diert hat und wann er zu dichten anfing, läßt sich nicht entscheiden; aberganz plötzlich erhellt sich das Leben des Mannes für einige Jahre vor denAugen der Nachwelt. Nämlich nicht lange vor 1161 trat der Archipoet zudem hochbegabten Reinald von Dassel, dem Erzbischof von Köln, demkühnen Vorfechter und Träger der Politik Kaiser Friedrichs I. in Italien, inein engeres Verhältnis, und ob nun der Dichter schon vorher sich poetischausgezeichnet hatte, so daß der Erzkanzler auf ihn aufmerksam wurde,oder ob gerade die Berührung mit diesem es war, die ihn zur Entfaltungseiner höchsten Kunst anregte, jedenfalls besitzen wir aus den nächsten vieroder fünf Jahren zehn Gedichte 1 von ihm, die den Höhepunkt der latei-nischen Dichtung im Mittelalter bezeichnen. Es sind alles Gelegenheits-gedichte, deren Stoffe aus dem Leben gegriffen sind; es fehlt ihnen alles Ge-machte und Didaktische. An Bibel und Altertum klingen sie zwar genug-sam an, aber wenn der Dichter nach der heiligen Schrift und nach derantiken Literatur greift, so läßt er sich nicht von ihnen beherrschen, und erverschmäht es sogar nicht, sie parodistisch zu verwenden Denn aus seinenPoesien leuchtet die reinste Freude am Lebensgenuß. Der Ernst ist möglichstdaraus verbannt, ihr genialer Humor und ihre geistvolle Ironie stempeltihre Lektüre zu einem wahren Vergnügen. Auf Schritt und Tritt gewahrtman, daß der Dichter nur in Kreisen verkehrt, die auf den Höhen des Lebensstehen und diesen weltfrohen Humor hoch zu schätzen wußten. 2 Auch ersingt zwar, wie alle weltlichen Dichter seinerzeit, um Lohn dafür zu erhalten,aber mit wunderbar graziöser Leichtigkeit weiß er dabei allem Servilenaus dem Wege zu gehen, in ihm steckt nichts von knechtisch gesinntem Geiste,sondern mit froher Sicherheit weiß er, seines Erfolges gewiß, zu bitten. Undals echter Künstler ist er von seiner Kunst überzeugt, er glaubt an sie undwill von Pfuschern und Narren nichts wissen. Daher ist er über die gemeineSchmeichelei erhaben, aber er weiß Männer wie Kaiser Friedrich und seinenKanzler wohl zu würdigen: er setzt sich in gewissem Sinne an ihre Seiteund verkündet von hoher poetischer Warte ihren Ruhm. Aber er kann seinerKunst nicht gebieten, sondern sie muß ihn rufen, und er gehorcht dann demAugenblick; freilich muß man ihm Zeit lassen, daß sich sein Werk gehörigausreife, denn Sorgfalt ist dazu nötig, und er kann eine Dichtung nicht aussich herauspressen. So ist der Archipoet nach dem Inhalte seiner Werkeunter die wahrhaft großen Dichter zu rechnen, und es ist sehr zu beklagen,daß uns wahrscheinlich nur ein kleiner Ausschnitt seiner Dichtungen über-liefert wird. Aber auch formal stehen seine Werke auf hoher Stufe. Nichtals ob er über einen besonders großen Reichtum hinsichtlich der Form ver-fügte, wohl aber zeigen seine Rhythmen eine hohe Reinheit der Form. Denn
1 Genau genommen sind es neun Gedichte fingierten Privilegs Karls des Großen für
und ein Fragment. Aachen mit Reinald zusammen beteiligt ge-
! M. Buchner (Ztschr. d. Aachener Ge- wesen sein könnte (vgl. MG. Dipl. Kar. 1,
Schichtsvereins 47, 246ff., 1927) vermutet, 439ff. N. 295).daß der Archipoeta bei der Herstellung des
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