978 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
inneren Stimmen des Menschen erscheint hier, der Streit des guten und bösenPrinzips wird mit aller Deutlichkeit vorgeführt. Der Dichter schämt sichaber nicht, seine Schwäche einzugestehen, und in den beiden Schlußstrophenbekennt er seinen festen Willen, dem Weltleben zu entsagen und lieber denTod zu erleiden, als ein solches Leben fortzusetzen. Zu einer solchen innerenEinkehr mochte der Dichter wohl einen gewichtigen äußeren Grund vor-liegen haben, und das Gedicht scheint ein Erguß des beginnenden Alterszu sein. 1
Fraglich ist, ob das Gedicht De contemptu mundi im Paris. 15363 f. 224s. XV dem Primas angehört, es müßte einer ähnlichen Regung entsprungensein wie De vita mundi. 2 Dagegen zeigt gar keinen Berührungspunkt mitHugo das Stück von 900 gereimten Versen grammatischen Inhalts, das imKatalog des Amplonius 3 angeführt wird mit ,Versus differenciales Primatissed non est finis 1 , das sich im Amplon. oct. 10 f. 121—138 findet, aber dortjenen Titel nicht besitzt (Carmina qui fingit aut metra, poeta vocatur — Ohio-quitur qui dam personam culpat honestam).
Ueberlieferung. Spätere Anführungen sind nicht häufig, so bei Alexander Neckamin den Corrogationes Promethei (P. Meyer, Not. el extr. 35, 2, 667) Unde Hugo Pri-mas: Hugo dat Hugoni nebulo nebulas nebuloni (wohl richtiger zitiert im Oxon. Bodl.Digby 53 f. 15 (am Rande) Primas Serloni n. n. n.), dann in den von Mario Esposito,Engl. hist. Review 30, 452 ff. gedruckten Versen aus Paris. 11867 f. 214—216 in N. VI,10, 12 In cratere meo Thetis est sociata Lieo = Hugo 14, 1 (W. Meyer, Gott. Nachr.1907 S. 149; dort heißt es außerdem N. II, 6 Tunc fundo lacrimas, tunc versificor quasiPrimas). In den Distinctiones monasticae aus dem Beginn des 13. Jahrhunderts liestman vier Zitate, nämlich (Pitra, Spicileg. Solesmense 3, 180) zwei Verse aus Diveseram, und drei weitere, völlig unbekannte Fragmente Pitra 2, 295. 326. 3, 472; vgl. hierzuP. Lehmann, Münch. SB. 1922 N. III. Von Denudata veritate stehen die ersten23 Verse in Carm. Burana N. 193 H. (173 Schm.). Von Dives eram werden Vs. 1—5 an-geführt in einer Ars rithmicandi aus Cotton. Cleop. B. VI f. 241 s. XIV bei Wright andHalliwell, Reliquiae antiquael, 31. N. 14 (In cratere meo) findet sich 1,1—12,2 in denCarm. Burana als N. 194 und Vs. 1—4 in der Chronik von Salimbene MG. SS. 32, 84.
Die Sammlung steht im Oxon. Rawlinson G 109 p. 3—30 (ca. 1200, wohl aus Frank-reich). Ihre Vorlage scheint reichhaltiger gewesen zu sein, sie selbst enthält 23 Gedichtemit 454 quantitierenden und 543 rhythmischen Versen (Achtsilber, Siebensilber, Ale-xandriner). Die rhythmische Ilias latina steht im Berol. theol. oct. 94 f. 126—128, vgl.Wattenbach, Berliner SB. 1895 S. 123ff., dahinter stehen 10 und 9 des Primas.N. 23 der Sammlung steht auch im Paris. 18570. 16208. Harlei. 978 f. 100, Laurent.Strozz. 88 f. 157, im Harlei. mit der Aufschrift Opus Hugonis Aurelianensis Primatis deexpulsione prima. Ausgabe der Sammlung von W. Meyer, Göttinger Nachrichten 1907,89—175 mit Einleitung und vortrefflicher Erklärung; das Gedicht über die Geizigen beiWright, Political Songs p. 51. Vgl. Haureau, Hist. litt. 30, 288—293 und 31,16f. DasGedicht De non miscenda aqua vino steht im San German. 376 f.99 s. XIII, darausge-druckt bei Dumeril, Poes, inedites du moyen äge p. 303—309; De vita mundi imParis. 2389 s. XII, gedruckt bei Dumeril, Poes, populaires lat. du moy. äge p. 108—114und bei Daniel, Thes. hymnolog. 4, 194, und in Karlsruhe Aug. 36 s.XIV, danachbei F. Mone, Lat. Hymnen des MA. 1, 411 N. 298; vgl. Chevalier, Repert. hymnol.1, 463 N. 7730.
4. DER ARCHIPOETADie Person des Dichters, der nach eignem oder nach andrer ErmessenArchipoeta genannt wird, ist uns mit Ausnahme von dem, was er in seinenGedichten selbst über sich sagt, völlig unbekannt. Vielleicht war er ein
1 Der Ton ist jedenfalls ernst, und ich zu denken. ,
möchte es für ausgeschlossen halten, daß 2 Vgl. zu dem Gedicht Haureau, ues
der Dichter sich hier ironisiert hat; an eine poemes lat. attribues ä St. Bernard p.^i.
Beichte wie die des Archipoeten ist nicht 3 Lehmann 2, 9, 13ff.