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3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
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977
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F. Weltliche und geistliche Lyrik 977

Primasgedichten, bewahrt die Chronik des Parmeser Minoriten Salimbeneauf. Das erste ,Tractatus Primatis de non miscenda aqua vino L ist einStreitgedicht zwischen Wein und Wasser in 29 Strophen von je sechsZeilen, wobei auf je zwei trochäische Achtsilber ein Siebensilber folgt. 1Aus den Versen spricht der echte Primas mit seiner ganzen Natürlichkeitund Ungezwungenheit.-Was nicht zusammengehört, sagt Hugo, muß ge-trennt bleiben, und wenn daher Wasser mit Wein in einem Becher vermischtist, da spricht der Wein zum Wasser:Packe dich, du gehörst auf die Erde,um dich mit Schmutz zu vermischen! Du hast nichts auf einer Tafel zu su-chen, denn wer dich trinkt, dem verschwindet Lust, Laune und Rede, erwird krank und du polterst in seinem Leibe in unflätiger Weise."Und du",sagt das Wasser,bringst alle Laster hervor. Wer dich trinkt, der bekommtden Zungenschlag und sieht zwei Lichter als hundert an, er wird zum Lumpund zum Mörder. Du bist nichts, aber ich bin groß und erfülle die Erde mitSegen, indem ich dem Dürstenden Rettung bringe." ,,Nein, du birgst alsMeer die größten Gefahren. Ich bin ein Gott, wie Ovid sagt, und gebe allenWeisheit und Verstand, mache Kranke gesund und ergänze die Welt, wäh-rend beim Wassertrinken kein Kind gezeugt wird."Ja, du bist der Gott,durch den der Mensch schlecht wird. Ich aber bin notwendig, denn wo ichfehle, da kommt Hunger und Not unter die Menschen."Du singst nur daseigne Lob, dich braucht man aber nur, um allen Unrat wegzuschwemmen."

50 dauert der Streit noch weiter an, bis der Dichter 2 ihm ein Ende macht.Das zweite Stück wird eingeführt ,Primas vero in suo tractatu de vita mundi

optime est locutus 1 , wo unter dem Wort tractatus natürlich nur das Gedichtselbst und keine moralische Abhandlung zu verstehen ist. Es besteht aus

51 Strophen von je vier zu zweit gereimten 3 trochäischen Achtsilbern. DieBehandlungsweise des Themas möchte auf den ersten Blick etwas eintönigerscheinen, denn in den 21 ersten Strophen spricht Hugo in den drei erstenVersen stets von der Schlechtigkeit der Welt, während er im vierten Versediesen Feind fragt, warum er stets neu auf ihn eindringe und ihn zu werfensuche, und Str. 422 beginnt sogar jedesmal Vita mundi. Aber das istnur ein feiner Kunstgriff, denn es ist bewundernswert, mit welchem Gechickund mit welcher Anschaulichkeit Hugo die Beiwörter und Bezeichnungendieses Begriffes variiert und wie verschiedenartig er in den Schlußversenden Einfluß der vita mundi auf sich selbst auszudrücken weiß. Dies Kunst-mittel der Wiederholung hat er, allerdings in ganz andrer Form, schon im23. Gedicht (vgl. oben) mit Glück angewandt. Von Strophe 22 an ändertder Dichter das Thema, indem er nun in allen Tonarten das Weltleben er-sucht, von ihm abzulassen und ihn nicht mehr zu bestürmen. Doch kehrter Str. 28 f. noch einmal zu der früheren rhetorischen Fragestellung zurück.Daß er aber vom Weltleben ganz umstrickt war, spricht er schon vorher 4und dann besonders Str. 3549 sehr deutlich und eingehend aus und ereröffnet hier einen tiefen Einblick in sein Inneres. Der Kampf der beiden

1 Mit dem Reim aab ccb. Vgl. H.Wal- 3 Doch sind Str. 36f. zu viert im Reim ge-tner S. 51. Meyer S. 149ff. bunden.

2 Jedenfalls war er ein großer Freund 4 Nämlich 1, 14 und 2, 3 Cum teuerevom ungemischten Wein, wie auch der non te queam, 3, 4 Cur-expecto tua dona?Archipoet (vgl. dessen Beichte 3, 13, 3f.).

H-d.A.IX2, 3 62