F. Weltliche und geistliche Lyrik 975
auch von andrer Stelle, daß der Primas über den troischen Sagenkreis ge-dichtet hat, nämlich aus den Bibliotheken Richards von Fournival unddes Amplonius. 1 Diese beiden Notizen sind aber vielleicht von einem Ge-dicht genommen, das sich zusammen mit Primasstücken findet und denAnfang einer Umgießung der Ilias latina in leoninische zweisilbig gereimteHexameter darstellt, ein Gedicht, das nur des Reimes wegen verfaßt seinkann. Und zwar sind die ersten 12 Verse der Ilias latina durch 21 Verseersetzt, die eine historische Einleitung zu dem Stoffe bringen sollen, diefolgenden 98 Verse (13—110) sind in 79 Leonini wiedergegeben. Und esist sehr leicht möglich, daß das Gedicht vom Primas stammt. Unrichtigdagegen ist die Unterschrift im Vindob. 883 zu zwei bekannten Gedichten(Pergama flere volo und Viribus arte minis) ,Expliciunt exclamaciones supermuris Troyanis edite per Primatem 1 \
b) Gelegenheitsgedichte. Einem Bischof, der in allen Dingen einMuster ist, rät Hugo auch demgemäß zu trinken (11). Er selbst, von jungemund starkem Wein trunken, verliert all sein Geld an einen falschen Freund,der ihn eingeladen hatte (1). Ein Bischof hatte dem Dichter einen Mantelohne Futter gegeben. Hugo spricht sich darüber aus, redet mit einem Be-gegnenden und spricht schließlich mit dem Mantel, der ihm rät, Pelz zumFutter zu kaufen (2). In einem weiteren Gedicht wünscht er einem Imarus 2glückliche Seefahrt, an der er selbst nicht teilnehmen wolle, da ihm als einemPechvogel das Meer nicht günstig sein würde. (4). Eigentümlich berührt einkurzes Bibelgedicht nach Luc. 16, 19—31, das nach W. Meyer vielleichtin ein größeres Gedicht an einen Reichen hat eingesetzt werden sollen; ansich wirkt es fast wie Verse, die zur Erklärung von Bildern geschrieben sind(5). N. 6 ist eine Klage: seine geliebte Flora hatte ihn an den Iden des Maiverlassen, und er bittet sie inständigst, zu ihm zurückzukehren. Allerdingströstet er sich in N. 8 damit, daß Flora es ja doch nicht ernst mit ihm meinte,sondern daß sie ihn nur ausplündern wollte. Und sehr deutlich malt er dannin N. 8 aus, wie sich eine in sein Haus aufgenommene Dirne vornehm auf-spielt, während sie in ihrer eignen Hütte das elendeste Leben führt. Mitspöttischem Humor ist N. 18 durchgeführt, was sich schon in der Formzeigt, die sich aus neun Hexametern und neun Rhythmenstrophen, alles imTiradenreim, zusammensetzt: Hugo war ganz in der Nähe von Paris zueinem vornehmen Herrn gegangen, um Geld einzufordern. Die Forderungwurde aber nicht anerkannt, es kommt zum Streite und Hugo wird dieTreppe heruntergeworfen; er flieht nach Paris und wird dort gut aufgenom-men. Sehr eigentümlich ist N. 16: Das Gedicht 3 mischt französische Worteein und besteht aus Alexandrinern, läßt aber drei Prosastellen und einenHexameter zu. Nachdem Hugo hier den Klerus von Beauvais wegen derkürzlich erfolgten Bischofswahl scharf getadelt hat, erfährt der Klerus vonSens hohes Lob dafür, daß er eins seiner Mitglieder zum Bischof erhoben
1 Delisle, Le cab. des mscr. 2, 531 N.110 2 NachW. Meyera. a. O. S. 124 vielleicht
Meonii^ Homeri libellus Yliados et versus Imarus Abt von Moustier-Neuf in Portiers,
Primatis Aurelianensis de eodem. Leh- später Kardinal; er weihte den Gegenpapst
mann 2,11, 35 Metra seu carmina poetica Viktor IV.
egregii poete Primatis de excidio et hystoria 3 Es ist nach W. Meyer S. 97 f. im Jahre
Troye optima. 1144 oder 1145 verfaßt.