Druckschrift 
3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
Entstehung
Seite
973
Einzelbild herunterladen
 

F. Weltliche und geistliche Lyrik 973

3. HUGO PRIMAS VON ORLEANS

Hugo ist um 1093 in Orleans geboren und scheint ein bewegtes Lebengeführt zu haben, denn man trifft die Spur seines Schaffens in einer(ranzen Reihe französischer Metropolen und Bischofsstädte. Er war kleinvon Gestalt und häßlich von Ansehen und war Lehrer geworden und zwarin der Dichtkunst. Und da er sich selbst darin auszeichnete, so erhielt ervon seinen Schülern den Beinamen Primas, ähnlich wie später ein DichterArchipoeta genannt wurde, der übrigens im Primas ein Vorbild fand. DerPrimas scheint ein lockrer Gesell gewesen zu sein, der dem Weine, den Wür-feln und den Mädchen hold war, öfters seinen Aufenthalt wechselte und dieGunst der Reichen in Anspruch nahm. Humor, Witz und Schärfe fehlenseinen Gedichten keineswegs, die er zu besonderen Gelegenheiten wohl inakademischen Kreisen vortrug, aber auch vor versammeltem Volke be-kannt machte, um seinen Dank für empfangene Wohltaten abzustatten.Die meisten seiner Poesien sind Gelegenheitsgedichte, und er scheint nurwenig frei erfundne oder der antiken Mythologie entnommene Stoffe be-handelt zu haben. Oft wendet er sich gegen die Habsucht und den Geizdes Klerus und er verwendet eindrucksvolle Schilderungen von Ereignissendes eignen Lebens, allerhand kleine Züge, um ein lebenswarmes und pak-kendes Ganzes daraus zu bilden. Die Antike beherrscht er völlig und be-dient sich ihrer im passenden Augenblick, aber nicht eben häufig und dannnur in geschmackvoller Weise. Seine Sprache ist ungemein klar und leuch-tend und der Ton seiner Dichtungen oft von volkstümlicher Urwüchsigkeit.Und dazu ist er in der Metrik sicher und in der Rhythmik von großer Viel-gestaltigkeit ; der Bau seiner Verse ist meist vortrefflich und die Reime sindrein, nur zuweilen läßt er sich absichtlich gehen, wie er im 16. Gedicht fastin jedem dritten Vers französische Worte 1 einschmuggelt und das Gedichtsogar mit einigen Worten aus Gatilinas Brief (bei Sallust Cat. 35) beginnt,die fast wie ein Motto dem Gedicht vorgestellt sind. Man hat es sonach miteinem Dichter zu tun, der in genialer Weise sein Leben zum Vorbild fürseine Dichtungen nahm und formal ganz auf der Höhe stand; allerdingszu solch einsamer Künstlerschaft wie der Archipoeta hat er es nicht gebracht,dessen Ruhm er aber in seinen letzten Jahren noch erlebt haben wird, denner starb wohl erst kurz nach dem Jahre 1160, da er in Carm. 23 sehr deutlichvon der Last der Jahre spricht. 1 Die Zeitgenossen wissen übrigens wenigvon ihm zu erzählen, nur einzelne Anekdoten über ihn retteten sich in diespätere Zeit und von Sammlungen seiner Gedichte hat sich nur eine einzige,unvollständig und lückenhaft, erhalten ganz wie beim Archipoeta.

Zeugnisse. Zuerst wies L. Delisle, Bibl. de l'Ec. des Chartes 29, 596611 aufeinige Verse des Hugo hin und gab bald darauf (Annuaire-Bull. de la Soc. de l'Hist. deFrance 1869 S. 147f. 153) Weiteres über ihn, ferner Bibl. de l'Ec. des Ch. 31, 302ff.Erst Wilh. Meyer hat das über Hugo Bekannte verwertet und damit eine Ausgabeder Sammlung verbunden Göttinger Nachr. phil.-hist. Cl. 1907 S. 75175. Zum Ge-burtsjahr s. W. Meyer S. 86. Zum Aeußeren s. den Zusatz zu Richardi Pictav. chron.1142 (MG. SS. 26, 81, 36ff.) Hiis etenim diebus viguit apud Parisios quidam scolasticusHugo nomine a conscolasticis Primas cognominatus, persona quidem vilis vultu deformis.

.' So noch Carm. 22, 1 (dels) und 9 Verse Nachr. phil.-hist. Cl. 1907 S. 87. 94) demin dem Gedicht bei Wright, Political Primas angehört.Songs p. 51, das nach W. Meyer (Göttinger