Druckschrift 
3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
Entstehung
Seite
972
Einzelbild herunterladen
 

972 Vierter Abschnitt. Die Dichtung

viele Schwierigkeiten bietet und in 28 sogar ein gemischt lateinisch-deutschesLied fast zugrunde ging, also ein Lied, wie es auch die Garmina Burana nurin wenig Exemplaren besitzen. 1 Da sind große Kostbarkeiten verloren ge-gangen, denn diese Stücke gehörten dem 10. oder frühen 11. Jahrhundertan und würden imstande sein, zu den Liebesliedern der Carmina Buranahinüberzuleiten und dem Leser einen Begriff von erotischer Poesie 2 desdeutschen oder französischen Klerus in jener Zeit zu geben. Man brauchthier nur das so außerordentlich hölzern klingende Lied 27 mit einem derbesseren Gedichte der Carmina Burana oder der Arundel-Sammlung zuvergleichen, die oft von der zierlichen Anmut der Anakreontea sind undden besten altrömischen Liebesliedern nichts nachgeben. Von hohem Wertesind natürlich auch die Scherzgedichte, sie wie andere lassen deutlich er-kennen, welcher Art die Gesangsvorträge mit musikalischer Begleitungwaren, auf die Amarcius in den Häusern der Beichen (1, 438443) anspielt.

Die Formengebung der Lieder zeigt, daß man sich noch in sehr früher Zeitbefindet, da die rhythmische Dichtung sich erst langsam zur Kunstpoesieentwickelte. Zunächst sind die aus der alten Poesie entlehnten Flores 3auszunehmen. Und da ist es seltsam genug, daß unter mehr als vierzig Ge-dichten nur ein rein metrisches (Hexameter, 26) begegnet. Dagegen zeigensich zugleich metrische Bestandteile in drei Bhythmen (17. 38. 44). Außer-dem sind die Stücke 315 und 30 a 4 als kunstvoller gebaute Sequenzenauszunehmen. Eine noch ganz wenig feste Form und sehr unsichere Ge-staltung im Bhythmus besitzen 16 und 17, und unregelmäßig gebaut sind30 und 36. Am häufigsten begegnen Fünfzehnsilber 10. 37. 41.43 undambrosianische Strophen 19. 35. 40. 42. Doppeladonier begegnen 20, sapphi-sche Rhythmen 23, rhythmische Alexandriner 48, Viersilber 2, doppelteFünfsilber 24, Sechs- und Siebensilber 45, zwei Paar doppelte Achtsilber25, vier Paar steigende Achtsilber 33, doppelte Siebensilber mit Refrain 49,sinkende Neunsilber 27, außerdem lateinische Rhythmen nach deutschemMuster gebaut 28. Auch der Reim ist vielfach noch flüssig und keinem festenGesetz unterworfen. Also unsre Sammlung, die inhaltlich so hochbedeutendist, kann sich bezüglich der eleganten Rhythmenform mit Sammlungenaus späterer Zeit nicht messen.

Ueberlieferung im Cantabrig. Gg. 5. 35 s. XI f. 432441 b, vgl. R. Priebsch,Deutsche Handschriften in England 1, 20ff. und Breul, The Cambridge songs p.20ff.;teilweise auch im Guelferbyt. 3610 s. XI f. 59b63a; sonst kommen noch andere füreinzelne Lieder in Betracht, wozu die Noten bei Strecker zu vergleichen sind. Ausgabevon Jaffe, Ztschr. f. deutsch. Altert. 14, 449ff. (1869), von Piper, Nachträge z. alt.deutsch. Lit. S. 206ff. (Kürschners deutsche Nationalliteratur Bd.162,1898), einzelnesin Müllenhoff u. Scherer, Denkmal, deutsch. Poesie u. Prosa, 1864; ed. K. Breul,The Cambridge Songs, Cambr. 1915; besonders K. Strecker, Die Cambridger Lieder,Berlin 1926, mit grundlegender Einleitung und mit rhythmischen Erläuterungen. Ein-zelne Stücke waren auch gedruckt bei J. G. Eccard, Vet. monum. quaternio p. 49ff.53ff. (1720), von M. Haupt, Altdeutsche Blätter 1, 390ff.; J. Grimm, Lat. Ged. desX. und XI. Jhdts. S. 333ff.; Du Meril, Poes. pop. ant. au Xlie siecle p. 273ff.; E. Cha-telain, Melanges d'hist. du moy. äge offerts ä Ferd. Lot (Paris 1925) p. 127135(Cobbo und Lantfrid).

1 Ein solches gemischtes Lied steht in der 3 Hexameter 29. 31. 32. 34, Distichen 22,Sammlung als N. 19. Ode 46.

2 Die Vernichtung und die stehengeblie- 4 Doch ist N. 10 auszunehmen, das drei-benen Reste beweisen, daß es Lieder dieser zeilige Strophen in Fünfzehnsilbern besitzt.Richtung waren.