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3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
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966 Vierter Abschnitt. Die Dichtung

1. ANONYME WELTLICHE GEDICHTE

Frühzeitig sind Sammlungen entstanden, die weltliche und geistliche Lyrikzusammen enthalten. Die älteste überlieferte ist die Cambridger (CantabrGg. 5.35), die wohl aus einer rheinischen Handschrift der Stoff brachte es mitsich, daß hier über den zeitlichen Rahmen des Bandes hinauszugehen war-um die Mitte des 11. Jahrhunderts in Canterbury (St. Augustin) abgeschriebenwurde. 1 Sie enthält teilweise noch sehr frühe Erzeugnisse und besitzt eineReihe politischer Lieder aus Deutschland sowie Gedichte novellistischen undhumoristischen Inhalts. Der Harleianus 978, der im 13. Jahrhundert ge-schrieben ist, besitzt Lieder von ganz anderm Ton, denn die Zeiten hattensich seit dem großen Kampfe zwischen Kirche und Staat sehr geändert. Sofinden wir hierin hauptsächlich Lieder gegen die Macht, Verweltlichung undHabsucht der Geistlichkeit; der niedere Klerus eifert hier sowohl gegen diehohe Geistlichkeit wie gegen Rom. Außerordentlich reichhaltig ist dann eineMünchner Handschrift (4660), die im 13. Jahrhundert in Benediktbeuernentstanden ist (Carmina Burana). Sie enthält neben einigen geschichtlichenGedichten auch andre solche ernsten Inhalts, die vielfach gegen die Kirchegerichtet sind. Im Vordergrunde aber steht die eigentliche Lyrik, das Liebes-lied, das hier in unendlich viel Variationen gesungen wird, wobei der Sammlerauch Aufnahme deutscher Lyrik nicht verschmäht. Und mit dem Liebesliedverbinden sich hier die Trinklieder und die Gedichte auf das Spiel, ein-gerechnet das Schach. Von großer Bedeutung ist dann die Arundelsammlungaus der Handschrift Mus. Brit. Arundel 384 s. XIV; auch sie enthält zumgrößten Teile Liebeslieder. Von durchaus vermischtem Inhalt ist die Samm-lung in der Handschrift von St. Omer 351. Alle Stoffe, außer erotischen, sindvertreten in einer Sammlung, die sich in der Handschrift zu Herdringen N. 51(jetzt Löwen) aus dem 14. Jahrhundert befindet. Nur das Fragment einerSammlung von weltlichen Gedichten befindet sich in der Handschrift Stutt-gard. I Asc. 95 aus dem 13. Jahrhundert. Hierzu kommt Medic. Laur. XXIX, 1(vgl. Anal. hymn. 20, 8ff.) und Vatic. 4389 s.XII (B. Bischoff, Z.f.rom.Phil. 50, 76ff.). Aus diesen Sammlungen geht hervor, daß das 12. Jahr-hundert mit seiner hohen geistigen Entwicklung auch den Höhepunkt derweltlichen Lyrik bedeutet; wahrscheinlich weil nun die Dichtung in denNationalsprachen mehr hervortrat und die ältere lateinische von ihr allmäh-lich verdrängt wurde: Rittertum und Minnesang hoben den Klerus undseine lateinische Poesie allmählich aus dem Sattel und das lateinische ge-schichtliche Gedicht wurde zum historischen Volksliede.

Es erübrigt nun, den Inhalt jener Sammlungen in kurzem vorzuführen.Dabei scheint es angebracht, einzelne Kategorien auszusondern, und wirbeginnen mit den ernsten Stoffen, wobei die Freundschaft fast völlig weg-fällt, 2 trotzdem etwa Ciceros Schrift De amicitia anscheinend öfter gelesenwurde als alle übrigen Werke des vielbewunderten Römers. Ebenfalls trittdie Natur als solche insofern zurück, da sie in der lateinischen Lyrik seltenallein, sondern fast nur in Verbindung mit der Liebe besungen wird. Die

1 Vgl. K. Breul, The Cambridge songs p. VII ff. .

(1915) p.23. Jetzt vgl. besonders K. Strek- 2 Sie wird gerühmt Carm. Cantabng. N. i>ker, Die Cambridger Lieder (Berlin 1926) (Cobbo und Lantfrid).