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3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
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965
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F. Weltliche und geistliche Lyrik 965

Auf der andern Seite werden aber auch Dichtungen auf Personenübertragen, die nichts damit zu tun haben, wie etwa Walter Map dich-terischer Sammelname ist. Die Anonymität aber mag vielfach mit demStand und dem Wesen des mittelalterlichen Lyrikers zusammenhängen.Der Kleriker dichtete, und zwar meist in jüngeren Jahren, als er nochauf der Hochschule in Frankreich oder Italien war und noch nichtdie beengenden Fesseln eines Amtes spürte. Und wie die Dichter wegenihrer gemeinsamen Schulung schwer zu trennen sind, so verhält es sichauch mit den Ländern. Ohne Zweifel mag Frankreich vielfach den Tonangegeben haben, aber die Carmina Burana bestehen jedenfalls zum größ-ten Teil aus Gedichten, die in Deutschland entstanden sind. Die äußereFreiheit und Freizügigkeit des Dichters aber bewirkte die Namenlosig-keit der vielfach anzüglichen Lieder, und diese wieder war auf dieleichte Veränderlichkeit der Texte von großem Einfluß. Die leicht hin-geworfenen Gedichte wurden mehr oder minder Allgemeingut undmußten sich daher vielfache Änderungen in ihrer Überlieferung gefallenlassen.

Dagegen ist nicht recht klar, wie der Name Goliarden zu erklären ist,mit dem sich diese jüngeren klerikalen Dichter benannten. Es scheint, daßder Name Golias als eine Art Haupt der lyrischen Dichter betrachtet wurde;ob dieser Name freilich mit dem biblischen Golias zusammenhängt oder mitdem lateinischen Worte gula, dürfte schwer zu entscheiden sein. 1 An einenwirklichen Orden aber, dem diese Goliarden angehört hätten, ist kaumzu denken, obwohl irgendeine Gemeinsamkeit bestanden haben mag.Jedenfalls werden auf den Golias sehr bemerkenswerte und bedeutendeDichtungen zurückgeführt, 2 die aber durchaus nicht alle einem unddemselben Dichter angehören können. So ist bei diesen Dichtungen wegender großen relativen Gleichheit des Inhalts und der Form die Fragenach den Verfassern schwierig, und es wird erst vieler Einzeluntersu-chungen bedürfen, ehe etwa anscheinend gleichartige Massen auf einenund denselben Dichter zurückgeführt werden können. Ich habe daherin diesem Abschnitt über die Lyrik zunächst die in den' mittelalterlichenSammlungen überlieferten anonymen weltlichen Gedichte nach Kategorienzu sondern gesucht und dem Leser kurz vorgelegt, dann die CambridgerLieder und darauf Hugo Primas sowie den Archipoeta besprochen. Inähnlicher Weise wird die geistliche Lyrik behandelt, indem aus der un-geheuer großen Masse der anonym überlieferten religiösen Lieder wich-tige Stücke kategorienweise herausgegriffen werden und dann die demNamen nach bekannten Dichter mit ihren Werken zur Besprechung kommen.In diese Übersichten sind aber nicht aufgenommen worden die schon infrüheren Teilen des Bandes bei einzelnen Autoren vorgeführten lyrischenDichtungen.

1 Meyer-Lübke, Germ.-roman. Monats- p.l92; daselbstp. IXXV u.p.XXXVlIschrift 1926 S. 76 leitet ihn vom biblischenXLIV zu den Namen Golias und Goliar-Golias(Goliat)ab, VCrescinivonguZa.vgl. den. Vgl. J. H. Hanford, Speculum 1,38ff.AttidelR.Istituto Veneto 85, 10651088. H. Brinkmann, German.-Roman. Mo-

2 The latin poems commonly attributed natsschr. 12 (1924) 118ff. L.Jordan, da-to Walter Mapes ed. Wright N. 122 selbst 13 (1928), 312314.