964 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
ragenden Dichtern bricht das Persönliche und die Mitteilung der eignenSeelenzustände an manchen Stellen stark hervor; nur setzt die eigent-liche Lyrik wenigstens in Deutschland erst ungefähr mit dem Beginn derwirklich deutschen Dichtung ein, d. h. im Laufe des 11. Jahrhunderts. Dielateinische weltliche Lyrik hat übrigens ihre Formen und auch anderes vonder lateinischen geistlichen Lyrik, also von der kirchlichen Poesie erhalten.
Den Übergang zu den weltlichen Stoffen hat wohl das Gedenken an dieNatur, an die Schöpfung bewirkt, auch mag die Besingung der Mariaöfters zum Liebeslied geführt haben. Diese beiden Stoffe, Natur und Liebewerden vielfach miteinander verbunden und geben in der nun beginnendenLyrik den am meisten behandelten dichterischen Vorwurf ab. Außerdemist das persönliche Lied häufig, in dem der Dichter sich über seine äußerenUmstände oder auch inneren Zustände ausläßt. Dazu werden oft Trink-oder Spielszenen in den Liedern behandelt. Doch erhalten manche Ge-dichte nach anderen Richtungen hin ein sehr ernstes Gepräge. Abgesehenvon Gedichten über philosophische Gedanken aus dem Altertum, die zu-weilen in den Mittelpunkt gestellt werden, oder über Sprichwörter oder überStücke aus der antiken Lektüre, die mit der Aeneassage zusammenhängen,finden sich nicht wenig Gedichte, deren Stoff sich mit zeitgenössischen kirch-lichen Verhältnissen beschäftigt und den Kontrast zwischen dem Soll derKirche und der Wirklichkeit in scharfes Licht stellt. Die Übeln Sitten undPraktiken der Kurie werden dabei schonungslos verspottet und wohl auchdas Kind mit dem Bade ausgeschüttet. So griff die Lyrik in das Gebiet derSatire über, was insofern gar nicht auffallen kann, als die Dichter ja Geist-liche oder noch Schüler waren und der Gegensatz zwischen Weltklerus undMönchen und zwischen römischer Habsucht und echt geistlicher Armut immerbestand. Neben solchen Gedichten entstanden aber auch noch rein histori-sche Lieder, deren Art und Weise sich dem Epos nähert. Mit den einfachentrochäischen oder jambischen Rhythmen oder mit dem Dreizehnsilber be-gnügt sich die fortgeschrittene Lyrik nicht mehr, sondern sie sucht sichkunstvollere Formen meist durchaus regelmäßigen Gepräges mit möglichstreich klingendem Reim. Freilich gibt es daneben auch vollkommen ein-fach gebaute Lieder, in denen der Reim sich nicht sehr hervordrängt, dochist er im allgemeinen das Hauptattribut der mittelalterlichen Lyrik ge-worden.
Sehr vielen weltlichen Liedern gemeinsam ist die leichte Lebensauffassung.Ihre Dichter sind geneigt zu Scherz und Spiel und Spott sowie zur Selbst-ironie. Nichts ist ihnen heilig, und auch Gegenstände des Ernstes müssensich scherzhafte Behandlung gefallen lassen, sogar Teile der hl. Schriftwerden zur Unterlage für sarkastische Parodien genommen. 1 Seltener habenwir es mit bekannten Dichtern zu tun, wie mit dem Hugo Primas vonOrleans, oder mit dem Archipoeten, der größte Teil der weltlichen Lyrikwird anonym überliefert, der Dichter hat sich von seinem Werke gelöst.
1 So das Evangelium desMarkus und andere Wright p. 174 ff.) wird gegen den Schluß
biblische Bücher für einen heftigen Angriff hin Biblisches kräftig parodiert. Bin paro-
gegen Rom Carm. Burana 44 (1, 86 H.). In diertes Officium (lusorum) steht Carm. Bu-
der Consultatio sacerdotum (The latin poems rana 215H., vgl. P.L e h m a n n, Die Parodie
commonly attributed to Walter Mapes ed. im Mittelalter S. 60 f.