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3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
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958 Vierter Abschnitt. Die Dichtung

lebendigen Eindruck, und es steht fest, daß es keine Nachahmung von De Phillide et Floraist, als welche Haureau es einst hingestellt hat. 1 Daß das Gedicht aber in seiner Dispo-sition und in allen seinen Teilen, auch hinsichtlich der Rhythmik jetzt verständlich istist das große Verdienst Wilhelm Meyers. Es enthält 80 Strophen zu je drei Doppelsieben-silbern. Die einzelnen Langzeilen reimen sich zweisilbig in Zäsur und Versende, aber nichtdie Zeilen untereinander; wo das geschehen ist (vgl. 205f.), treffen zwei Verse mit gleichemReim zufällig zusammen; Hiat und Taktwechsel sind nicht selten.

Ueberlieferung im Trevir. 1081 s. XII p. 16 (vgl. W. Meyer, Gott. Nachr. 1914S. 5) und in einem Cod. Romersdorf. in Koblenz Staatsarchiv AS3S3. VII, 1 n. 124 s. XIII/XIVAusgabe aus dem Trev. von Waitz, Ztschr. f. deutsch. Altertum 7,160167, Nachträgedazu ebenda 21, 6568. Nach beiden Hss. von Wilh. Meyer, Göttinger Nachr. 19141019. Vgl. F. M. Warren, Modern Lang. Notes 22,137140; W. Meyer a. a. O. S.29'Walther, Das Streitgedicht etc. S. 145ff.; E. Faral, Recherches sur les sources Lat!des contes et romans courtois du moyen äge p. 21 Off.

18. DE PHILLIDE ET FLORA

Die Grundlage dieser reizenden Erzählung scheint nach J. Grimm 2 dasfranzösische Märchen vom Zwiste der Blumenjungfrauen Florence undBlancheflor zu sein, der vor dem Throne Amors entschieden werden soll. 3Der Stoff ist in der lateinischen Fassung, die dem Ende des 12. Jahr-hunderts zu entstammen scheint, breit ausgestaltet, und so entstand einesder ausführlichsten erzählenden Gedieh Le des Mittelalters, das ganz in derantiken Mythologie lebt und sich durch zahlreiche kulturhistorisch inter-essante Stellen auszeichnet. Es enthält 79 gereimte Vagantenstrophen vonvergleichsweise sehr reiner Form.

Eines Morgens begaben sich zwei königliche Jungfrauen auf eine vomBach durchflossene Wiese, wo sie sich im Schatten einer alten Pinie nieder-ließen, Phyllis, die Geliebte eines Ritters, und Flora, die einen Kleriker liebte.Beide verraten durch Seufzer, daß sie verliebt sind, und die eine gedenktihresParis", während die andere nach ihremAristoteles" sich sehnt.Phyllis ergreift das Wort: Der Kleriker sei ein satter Epikuräer und neigezum Schlaf, während der Ritter auf Speise und Trank und Schlaf nicht aus-gehe und stets zum Schenken bereit sei. Flora erwidert, daß dem Geist-lichen alles in Fülle zustehe; seine Liebe sei ohne Ende und er sei nicht ab-gemagert wie der arme Rittersmann, der nichts zum Schenken habe.Phyllis:Der Kleriker erscheint bei einem Feste unwürdig mit Tonsurund in schwarzem Gewand, der Ritter aber in vollem Schmuck auf demPferde, den Helm auf dem Haupte; mitten im Kampf denkt er an die Ge-liebte, und ist die Schlacht vorbei, so lüftet er vor ihr das Visier und blicktnach ihr." Flora:Nein, der Ritter ist ein armer Tropf und sein Lebenist in steter Gefahr. Dem Kleriker aber ist seine Tracht zur hohen Ehreund er führt das Zeichen der Herrschaft und gebietet den Ritterscharen.Seine Beschäftigung führt ihn nicht zu kleinlichen Dingen, sondern hinaufzum Himmel, zu den Sternen. Er lebt in Purpur und liest die Geschichtender alten Könige und schreibt und denkt an die Geliebte; er weiß zuerst,was Liebe ist, nur durch ihn kennt sie der Ritter." Beide kommen nun über-ein, daß Gupido ihren Streit als Richter schlichten solle, und reiten an dessen

1 Not. et extr. 29, 2,309, dagegen Lang- 3 Vgl. Walther, Das Streitgedicht etc.lois, Revue bleue 51,175n.l. S.148L

2 Kleine Schriften 3, 89 Anm.