E. Streitgedichte 957
kündet, daß nichts imstande sein werde, sie von ihren geliebten Klerikernzu trennen. Und in demselben Sinne sprechen sich dann Agnes und Bertaaus, darauf der ganze Chor: „So leben wir und werden dabei bleiben, wennes dir gut scheint; wenn nicht, so wollen wir uns bessern." Die Cardinalisdomina aber ist ganz mit ihrer Ansicht einverstanden, und dann erstkommen die Damen zu Gehör, die die Geliebten von Rittern sind und bleibenwollen. Elisabeth Popona preist die Ritter als Helden und Adelheid bekennt,daß ihr die Liebe zu den Rittern höher stehe als der Psalter und das Lesen,und sie achte daher auch die Klosterregel gering; ihnen und ihren Rossensei Tür und Tor, Wasser und Weide des Klosters jederzeit offen. Nun abertritt wieder eine Dame 1 für die Kleriker ein, die besonders deshalb hoch ge-priesen werden, da sie das Lob der Damen in Rhythmen und Versen singenkönnen. 2 Da verkündet die Cardinalis domina, die Damen sollten sich nunendlich schlüssig machen. Die erste Sprecherin nennt die Ritter leicht-sinnig, geschwätzig und indiskret, die zweite bezeichnet sie als treulos,und da beide den Klerikern den Vorzug geben, so schließt die Cardinalisdomina diejenigen aus der Gemeinschaft aus, die die Liebe der Ritter vor-zögen; außerdem verbietet sie den Damen bei Strafe des Bannes, mehr alseinen Kleriker zu lieben, und untersagt ihnen jede Berührung mit einemRitter. Dagegen sollten sie sich der Liebe zu Klerikern hingeben, 3 die nicht,wie jene, ihren Ruf schädigten, sondern ihnen in allem nützlich seien. 4Seien sie alle mit diesen Bestimmungen einverstanden, so möchten siesich dazu bekennen, andernfalls sie ablehnen. Da erklärt sich die ganze Ver-sammlung einverstanden.
Damit begnügt sich der Dichter aber nicht. Um die Parodie voll zumachen, läßt er die Cardinalis domina befehlen, daß diese Festsetzungenallen Klosterschwestern in den Kirchen bekannt gemacht werden und ihnenmitgeteilt werden soll, daß jene Bestimmungen bei Strafe des Banneszu gelten hätten, außer wenn sie sich sofort zur Klerikerliebe bekehrenwollten; die Rechtmäßigkeit des Bannes aber sollten sie mit „Amen, Amen"erklären. Und nun wird der Bann verkündet; alles nur mögliche Böse solldie Übeltäterinnen auf Befehl der Venus treffen, sogar vom Licht der Sonneund des Mondes sollen sie geschieden sein und der Zorn des Zeus solle vomHimmel auf sie herabfahren; kein Mensch möge sie grüßen, Schmerz mögesie außen und innen erfüllen und sie sollen Tag für Tag in einem See vonJammer 5 leben. Nur die Reuigen sollen Verzeihung erlangen. Und zur Be-stätigung ertönt von allen Seiten das gewünschte Amen.
Danun Oulmont 6 die Realität von Personen und Oertlichkeiten um 1150 hat nachweisenkönnen, so ist es außer Zweifel, daß solche anstößige Verhältnisse in Nonnenklöstern vor-kamen, und danach ist es immerhin möglich, daß der Untergrund zu diesem Konzil nichtaus der Luft gegriffen ist. Geschickt angelegt und gut disponiert ist das Gedicht, dagegenist sein poetischer Ausdruck nicht irgendwie genügend zu nennen, sondern er ist trockneProsa 7 und leidet an vielen Wiederholungen. Aber als Ganzes macht das Stück einen sehr
1 Anscheinend jung nach Vs. 133 Nos pa- 6 234 lacu miserie nach Psal. 39, 3.
rum regnavimus, parum adhuc fecimus. e Les debats du clerc et du Chevalier (Pa-
2 Danach sind lateinische Gedichte und ris 1911) p.54ff.
kaum solche in der Volkssprache gemeint. ' Vergilisch ist Vs. 82 Experto credendum
3 193 Precor vos summopere clericos diligere. est. Das Gedicht kann sich in keiner Be-
4 197 per eorum gratiam Nostra quedam ab- Ziehung mit dem ausgefeilten und zierlichen
dita nunquam erunt cognita. Gedicht De Phillide et Flora messen.