E. Streitgedichte 953
12. IUSTITIA ET MISERICORDIA
Die Frage, ob Gott den Adam nach dem Sündenfall ins Paradies zurück-rufen sollte, behandelte im 12. Jahrhundert ein französischer Dichter ineinem Rhythmus von 32 Strophen, die aus doppelsilbig 1 gereimten Zehn-silbern bestehen. Auf Adams Vertreibung aus dem Paradiese versammelnsich die Tugenden, die Töchter Gottes, zum himmlischen Konsistorium,um darüber zu urteilen, ob man dem Adam die Rückkehr ins Paradieserlauben solle. Die Gerechtigkeit ist durchaus dagegen, doch die Barm-herzigkeit tritt für Milde ein, da Adam durch sein Weib, das Fleisch undden Teufel versucht worden sei. Da rät der Friede, man möge die Wahrheitzum Rechtsbeistand nehmen. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind damiteinverstanden und die Wahrheit läßt sich den Streit vortragen. Sie erkenntdie Strafe für gerecht, und nur Gott selbst könne sie erlassen. So kommendie Töchter Gottes vor den Vater und legen ihm die Punkte der Unter-suchung vor. Gott ist mit der Beurteilung einverstanden, lobt aber be-sonders das Urteil der Barmherzigkeit, und verkündet, daß dem Adamzu vergeben sei. Um die Vergebung auszuführen, werde er eine vomManne unberührte Jungfrau einen Sohn gebären lassen, die mit seinemGeiste schwanger sei. Und diesen Sohn schmücken und verherrlichen nundie Tugenden im Geiste, bis ihn die Jungfrau gebärt. Göttlichkeit undLiebe geleiten ihn, Wohlwollen bringt ihn ans Kreuz, Gehorsam führt ihnin den Tod, Tapferkeit ins Grab und der Sieg in die Hölle. Dort wütet zwarder Satan, aber der König der Tugenden bricht die Pforten der Höllesiegreich und befreit Adams Geschlecht von ihr und fährt zum Himmelempor, wo er in Ewigkeit herrscht. So hat er die Tore des Paradiesesgeöffnet und der Mensch kann frei dorthin zurückkehren, wo er einst ge-fallen ist. — So wird hier die Idee der Erlösung mit dem alten Sünden-fall tiefsinnig verbunden; dahingestellt bleibe allerdings, ob das des Dichterseigne Erfindung ist.
Ueberlieferung im Cantabr. Corp. Christi Coli. 481 s. XIII in. p. 366. Ausgabe vonWalther a. a. 0. S. 221 ff.; vgl. S. 87 n. 5 und 190.
13. DIALOGUS MORTIS CUM HOMINE
Dies Gedicht von 18 Vagantenstrophen zu je acht Versen wird durchseine Überlieferung dem 12. Jahrhundert zugewiesen und ist einem deut-schen Dichter beizulegen. 2 Denn der Verfasser hat sich keineswegs strengan die in jener Strophe geltenden Silbenzahlen gehalten, indem er stattder Siebensilber öfters Achtsilber und statt der Sechssilber nicht seltenSiebensilber verwendet; ja es kommen sogar zwei Siebensilber nebenein-ander vor. Diese Unreinheit der Form spricht unbedingt für deutscheAbstammung. Der Inhalt ist folgender. Erschreckt fragt der Mensch, 3 alser den Tod sieht, wer er sei. „Mich fürchtet alles, gegen mich gibt es keineBerufung!" „Woher kommst du, deine fürchterliche Gestalt sah ich noch
1 Davon haben acht Strophen Reim auf io, 2 Meist deutsche Hss.zehn auf ia, so daß stellenweise, z.B. Str. 3 3 Daß ein Vornehmer gemeint ist, ergibt—6, Tiradenreim stark vorhanden ist; also sich aus 17, 3f. und 18, 6ff., vgl. auch Wal-französischer Ursprung. ther S. 81 zum Monac. germ. 3974.