E. Streitgedichte 951
mehr von der Bedeutung beider Jahreszeiten für die Natur die Rede ist.
Namentlich der Wein spielt eine Rolle, dem der Winter so schade, der
auch dem Wild verderblich sei, 1 worauf der Winter sagt, daß das mit Gottes
Willen geschehe, da die Trunkenheit verderbliche Liebe erzeuge, über die
dann beide, ähnlich wie oben, weiter streiten. Gegen den Schluß rufen beide
die Vernunft an, die mit ausführlichen Worten erklärt, daß der Winter
töricht sei und dem Sommer das Feld räumen solle, damit er ihn nicht gar
verbrenne. So scheide sie ihn von der Welt und zwar auf den Befehl Gottes.
Beide Gedichte haben übrigens einen trockenen Stil und sind vielfach eckig
und unbeholfen. Bei diesen und den oben berührten Mängeln der Form
kann man nur an Schülergedichte denken; vielleicht sind sie mit Hilfe von
gegebenen Stichworten angefertigt.
Ueberlieferung. Beide Gedichte finden sich im Paris. 11412 f. 4—6 und f. 14—17s. XIIIin.; zur Hs. vgl. Haureau, Not. et extr. de quelq. mscr. 2, 30ff. Ausgabe von H. Walther,Das Streitgedicht in der lat. Lit. des MA. S. 203—206 und 206—209; vgl. daselbst S. 41—44.
Kurz möge hier noch auf das dritte der oben berührten Gedichte auf-merksam gemacht werden, betitelt Estas et hiems, das unvollständigüberliefert ist. Es sind davon zwölf gereimte Vagantenstrophen erhalten,in deren erster der Dichter den Hörer auffordert, sein aus Übermut ge-fertigtes Streitgedicht zu vernehmen. Die beiden Streiter erhalten jedesmaleine Strophe und werfen sich zuerst gegenseitig vor, wie sie den Menschenschädlich würden; sogar die Blumen des Sommers läßt der grämliche Winternicht gelten und er verneint auch, daß die Fürsten durch den Sommerreich würden.
Ueberlieferung im Cantabr. Trin. Coli. 0. 9. 38 (N. 1450) s. XV f. 45a. Ausgabe beiWalt her a. a. O. S. 209ff. N. IV, vgl. S. 44f., wo das Gedicht wegen seiner reinen Formnoch dem 12. Jahrhundert zugewiesen wird.
9.—11. KÄMPFE ZWISCHEN LEIB UND SEELE
9. Altercacio carnis et Spiritus. Der Streit zwischen Leib undSeele, der später in derVisio Philiberti seine bedeutendste Fassung erhielt,ist durch vorstehendes Gedicht in zehn Strophen von je neun gereimten 2steigenden Achtsilbern behandelt worden. Zur Aufforderung des Geistes anden Leib, die fleischlichen Lüste zu lassen, entgegnet der Leib, daß er dasSichtbare dem Unsichtbaren vorziehe, und dem Einhalt des Geistes, daßer dann der Verdammnis anheimfalle, begegnet er mit dem biblischen Ge-danken, Gott habe ja die ganze Schöpfung dem Menschen Untertan ge-macht. Darauf antwortet der Geist, daß er sich damit dem Schöpferundankbar erweise, indem er Nichtiges aufsuche, doch der Leib läßt sichnicht irre machen, da doch Verachtung der Schöpfung Undankbarkeit sei.Da wird ihm die Antwort, daß die Schöpfung wohl zu seinem Nießbrauch,aber nicht zum Mißbrauch, wie durch die Liebe, vorhanden sei, aber erentgegnet, Gott habe beide Geschlechter zur Liebe geschaffen. Der Geistaber will die Liebe nur zur Fortpflanzung und nicht zur Lust gelten lassen.Und nun erklärt die Vernunft als Richterin, daß der Leib dem Geiste ausFurcht vor dem Jüngsten Gericht zu gehorchen habe.
1 14,1 ist zu lesen fit Dyana. zeigt sich Str. 1, lf.
2 Der Reim ist aba bbb ccc. Alliteration