950 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
von mir!" 1 Die Welt meint nun, da es im Guten nicht gehe, ihn zu über-reden, so werde sie es im Bösen versuchen und Teufel und Dämonen gegenihn führen; und als der Dichter sich an Maria um Hilfe wendet, sagt die Weltdies sei vergebliches Beginnen. Da ruft der Dichter in seiner VerzweiflungChristus an und bittet ihn im Kampfe gegen Hölle, Fleisch und Welt umseine werktätige Hilfe.
Ueberlieferung in einem Stiriacensis s. XV und in einer Hs. aus Sterzing AusgabeAnal, hymnica 33, 278; der Anfang Wiener SB. 54 (1866) 313. Walther S. 105f.
8. CONFLICTUS HYEMIS ET ESTATIS
Den gleichen Stoff wie die Altercatio yemis et estatis behandeln drei Ge-dichte, von denen die beiden ersten wohl in derselben französischen Schulenach dem gegebenen gleichen Thema verfaßt sind 2 und daher viele Ähn-lichkeiten aufweisen. 3 Beide lehnen sich recht eng an den Streit zwischenGanymed und Helena an und in beiden ist die Form fast die gleiche. Näm-lich wir finden beiderseits Vagantenstrophen, 4 deren vierter Vers zwar einHexameter sein soll, doch vielfach nur ein halber geworden ist, währenddie andre Hälfte rhythmisch gebaut ist; das zweite Gedicht hat außer demEndreim auch den Binnenreim, doch wird seine Form gegen das Ende hinvöllig willkürlich.
A. Ich ging, sagt der Dichter, einst zur Sommerhitze in den Schattendes Waldes und legte mich bei Vogelgesang auf eine Wiese unter eine schöneKiefer. Da kam der Sommer zu mir in all der Schönheit eines Jünglingsmit liebestrahlenden Augen und bald darauf der Winter, vor Schmutz undKälte starrend. Diese beiden geraten bald in einen Streit und erwählen dieVernunft als Richter. Auf die Frage des Winters, warum der Sommerihm sein Recht nehme, antwortet dieser, der Herr der Welt wolle selbstdes Winters Herrschaft nicht mehr, da dieser ja allem Geschaffenen be-schwerlich falle. Nun wirft der Winter dem Gegner die große Hitze vor,durch die die Geschöpfe der Natur schwer leiden müßten, und als der Sommermeint, daß jene durch den Winter ja vernichtet würden, tadelt dieser,daß der Sommer unsauberes Liebesbedürfnis erwecke, erhält aber den Gegen-hieb, daß die Liebe der Geschlechter zueinander keine Schuld in sich berge.Da wirft der Winter dem Gegner vor, daß er allerhand Ungeziefer erzeuge.Beide suchen sich dann durch Schimpf zu übertrumpfen, doch als derSommer dem Feinde seine Häßlichkeit und seinen Vernichtungstrieb vor-hält, schweigt der Winter, und die Vernunft erklärt ihn für besiegt, ohnedas Urteil zu begründen. — Das Gedicht besitzt zwanzig Strophen undist wenig anschaulich, da es zu allgemein gehalten ist.
B. Der Eingang dieses Gedichtes entspricht durchaus dem des eben vor-geführten, erst von Str. 11 treten größere Verschiedenheiten auf, indem hier
1 Bis hierher wird die ganze Strophe stets Walthers Vorgang beide Gedichte mit Avon einer Person gesprochen, die achte und B. Auf die vielen Aehnlichkeiten, dieStrophe wird aber aus drei Reden gebildet, nicht zufällig sein können, hat Walther in
2 Vgl. hierzu Walther, Das Streitgedicht den Noten zu A sorgsam hingewiesen, wieetc. S. 42. er auch auf die Aehnlichkeiten beider mit
3 So ist gleich 1,1 bei beiden gleichlautend. Ganymed und Helena in den Noten auf-
4 Außer in B 24. 26; ich bezeichne nach merksam machte.