944 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
ESTREITGEDICHTE
1. DIALOGUS INTER AQUAM ET VINUM
Ein nicht wenig beliebter Stoff für Streitgedichte war das Verhältnisvon Wasser und Wein, das der Primas von Orleans in seinem berühmtenGedicht ,Demidata veritate' sehr derb behandelt hatte. Andere folgtenihm, wie der Dichter in den Carm. Burana N. 194 (H ilka). Mehr Bedeutungals dies kurze Gedicht hat der oben angeführte Streit. Der Dichter erzählthier: Vom Weine bei einem großen Gelage überwältigt ließen mich dieFreunde allein und meine Seele flog im Traum in den dritten Himmel, woalsbald Thetis und Lyaeus (für Wasser und Wein) auftreten und einenStreit beginnen. Das Wasser will den Vorrang, da aus ihm bei der Schöp-fung die Welt emporgestiegen sei. Als der Wein erklärt, daß ihn Gott un-vermischt und ohne Wasser geschaffen habe, entgegnet das Wasser, daß esallein in der Bibel zu Heilzwecken verwendet werde, worauf der Wein mit1. Tim. 33, 3 antwortet. Doch wird der Bibelbeweis wieder durch Gründeunterbrochen, die aus dem gewöhnlichen Leben geholt werden, bis Thetisdas Jordanwasser zur Taufe Christi anführt und Lyaeus den Wein imAbendmahl dagegen geltend macht. Nach Hervorhebung des Nutzens desWassers in der Natur setzen mit Str. 23 die biblischen Stellen wieder ein.Als aber der Wein sagt, wer ihn meide, den fliehe Musik und Gesang,wer aber zu ihm halte, der singe ,Ehre sei Gott in der Höhe', da er-wachen die Vögel aus dem Schlaf und singen , Friede auf Erden und denMenschen ein Wohlgefallen'. Davon erwacht der Dichter, der nun Gottpreist.
Das Gedicht besteht aus 41 gereimten Vagantenstrophen zu vier Versen,nur N. 23 hat sechs Verse. Wie aber diesen Dichtern, die sich als vortreff-liche Bibelkenner verraten, das klassische Altertum in Fleisch und Blutübergegangen war, das sieht man hier recht deutlich, da dieses christlich-moralische Zwiegespräch den beiden antiken Gottheiten in den Mund ge-legt wird. Die poetische Sprache ist gewandt und der Ausdruck ver-ständlich.
Ueberlieferung im Cotton.Tit. A XX f. 63, Reg. 8. B. VI f. 1. Oxon. Ashmol. 754 f. 124.Bodl. 496 f. 227. Cantabr. Ee. VI. 29. Ausgaben von Wright, The latin poems commonlyattrib. to Walter Mapes p. 87. Novati, Carmina med.aevi p. 58ff. Vgl. Hubatsch, Vagan-tenpoesie S. 25f. und Walther, Das Streitgedicht in der lat. Lit. des MA. S.47W.
2. ALTERCATIO VINI ET CEREVISIAE
Wie man poetisch Wasser und Wein über ihre Vorzüge sich streiten ließ,so behandelte man in den Grenzgebieten der romanischen und germanischenWelt auch den Unterschied von Wein und Bier. Ein solches Gedicht be-ginnt der Verfasser mit der Erklärung, daß er einen Scherz vortragen werde,um den Geist nicht einschlafen zu lassen, die Zuhörer möchten also, fügter hinzu, Ruhe halten. Zunächst wird die große Verbreitung des Bieres ge-rühmt, das man in Deutschland, Ungarn, Hennegau, Brabant, Flandern,