D. Persönliche Dichtung • 941
Auffindung ihrer Tochter, schenkt Ährenkränze, fruchtbare Beete und ge-füllte Scheuern. Venus schmückt die Wiege mit Veilchen, den Fußbodenbestreut sie mit Rosen und die Grazien versprechen dem Knaben alle Freu-den der Jugend; Pane und Satyrn 1 bringen die Gaben der ländlichen Natur.Auch das Jahr mit seinen vier Zeiten bietet Geschenke dar, und die ein-zelnen Monate werden nun in ihren Hauptbeschäftigungen vorgeführt. 2Darauf kommt die Mutter Weisheit und gibt den Knaben in die Hut derBeredsamkeit. Diese überliefert ihn der Grammatik, und nachdem dieseihre Arbeit getan, ruft sie die Poesie, um den Knaben in Prosa, Rhythmikund Metrik geschickt zu machen. Nachdem dann die römischen Schul-dichter vorgeführt worden sind (auch Plautus), folgt die Logik mit derDialektik und die Rhetorik. Hierauf werden die vier Teile des Quadriviumsdargestellt und an letzter Stelle bei der Astronomie kurze Charakteristikender Planeten gegeben. Darauf folgt die Ethik mit ihren vier Haupttugen-den, ferner die Physik mit den Beschaffenheiten der Elemente. „Weil aberim Himmel nicht von bürgerlichem Rechtsstreit und von menschlichemRecht die Rede ist, so unterscheidet man hier nicht den offnen vom ge-heimen Dieb und weiß auch nichts von Zinsen auf ein Darlehen. So mögeder Knabe, in allem wohl unterrichtet, den Sinn des göttlichen Wortesverstehen lernen 3 und er möge wachsen als der Sohn des himmlischenPaares. Ich aber schließe hiermit meine Vision." 4 Jedenfalls hat der Dichternichts mehr anzufügen gewußt, und die Vision, die für ein Götterkind desantiken Himmels in ihrer zweiten Hälfte unpassend genug ist, hat einen et-was plötzlichen Abschluß erhalten. Die Ausstattung des Götterkindes mithimmlischen Geschenken ist aber wie auch die darauf erfolgende geistigeAusbildung des Menschenkindes an sich nicht ohne Geschick und Reiz ge-geben. Stephan führt das Gedicht mit den Worten ein, daß er auf das„allgemeine Theater" 5 eine Vision bringe, die er für nützlich halte.
Stephan wird als rhythmischer Dichter von Walter von Chatillon sehr hoch gestellt, ersagt von ihm (Strecker, Moralisch-satirische Gedichte Walters von Chatillon 3, 7,4 ff., S. 41) Inter quos sunt quatuor rhythmice dictantium, Qui super hoc retinent sibi Privi-legium: Stephanus flos scilicet Aurelianensium.
Ueberlieferung im Paris. 11867 s. XIII f. 104b und Vatic. reg. 157 s.XIII, wo aufdie Worte Incipiunt epistole magistri Stephani Aurelianensis Tornacensis episcopi die obenangeführten Worte folgen. Ausgabe von L. Auvray, Melanges Paul Fabre, Paris 1902,S. 284—290. Über die zwei Texte vgl. dortS. 281, Inhaltsangabe und mythologischer Cha-rakter S. 281—283.
b) Sonst hat sich von Stephans Gedichten ein Epitaph auf König Lud-wig VII. erhalten, das er als Abt von Ste. Genevieve verfaßte; hier wird derfreie Zustand der Kirche unter Ludwig gepriesen und neben dessen Keusch-heit und Gerechtigkeit seine strenge Beobachtung der kirchlichen Vorschrif-ten gerühmt. 6 •— Der Abt von Sauve-Majeur hatte ihn um ein Offizium aufden hl. Gerald, den Stifter seines Klosters, gebeten, und Stephan ging auf
1 70 caprigene Satyri^gure. kommt der Dichter vom Heidnischen zum
2 Vs. 81—96 und zwar je drei in vier Ver- Christlichen.
sen. Damit beginnt das bis dahin reizvolle 4 Vs. 183 Crescat summi filius regis et
Gedicht fast ganz didaktisch zu werden. regine, Quia (?) tali claudimus visionem fine.
Vs. 84 stammt excodicat vineas aus Pall. 2,1. 5 Vs. 1 In commune theatrum visionem fero.
3 Vs. 181 Ut post omnipharie genus disci- 6 Bei Migne 185,1251 f.pline Capiat sententiam pagine divine. So