936 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
So werden ganze Völker von ihren Oberen auf Abwege gebracht und elendgemacht. Und was nützt den Reichen ihr Raub ? Aus dem Reichtum kom-men Haß, Verblendung und Sorgen. Dagegen ist der Arme viel mehr Herrer lebt glücklicher in seiner Hütte als der Reiche in seinem Palast. Wirf also'alles Überflüssige von dir und zwar ohne Zögern und bereichere dich mitder Sorge um die Armen und Elenden. Noch niemand ist auf einem Königs-thron sicher gewesen. Bedenke also, wie wenn du auf der See führest dieZukunft und glaube, daß dir jeder Tag der letzte sein kann (Hör Ep 14, 13).
Daß Walter von Chatillon in der antiken Dichtung völlig zu Hause warhaben die Arbeiten von Müldener und Strecker klar erwiesen. Dagegenlassen sich seine Kenntnisse in der Dichtung des eigenen Jahrhunderts wegender durchaus selbständigen Art seiner Dichtung nicht so deutlich heraus-schälen. Er selbst nennt W 3, 7, 6 f. 8,1—4 die vier berühmten Rhythmikerund gedenkt dann 9.7 Abaelards, vgl. Strecker ZfdA. 64, 161 ff. Dagegenlassen Matthäus von Vendöme und Alan das Studium von Poesien Walterserkennen, vgl. Strecker ib. S. 163 ff.
Ueberlieferung. Die unter der Bezeichnung W zusammengefaßten Gedichte Walterswerden nicht durch eine einzige Sammlung überliefert, sondern es existiert eine ganzeReihe von Sammlungen, in denen meist dieselben Gedichte wiederkehren, aber mit solchengemischt sind, die aus Walters Schule stammen. Welcher Art die in Canterbury St. Augu-stin s. XV vorhandene Sammlung war (M. R. James, The anc. librar. of Canterb. andDover p. 384 N. 1594 Item rithmi magistri Walteri Castellionis) , läßt sich nicht mehr fest-stellen. Strecker hat nun ZfdA. 64, 99 ff. zwei Klassen von W-Hss. aufgestellt, in denener die reiche Ueberlieferung zusammenstellte, nämlich in seine X-Klasse gehören Harlei978 c. 1260, Digby 4 s. XIII, Sloane 1580 s. XIII/XIV, Paris. 11867 s. XIII, Herdring(jetzt Lovan.) s. XIV, Hannov. IV 524 s. XIII, Laurent. 36, 34 s. XIV, zur Y-Klasse Pa-ris. 3245 s. XV, Digby 166 s. XIII, Bodlei. 603 s. XIV, Digby 168 s. XIII, Rehdiger. R 130s. XIV, Digby 53, Bodlei. 57 s. XV, Paris. 11412, Prag. 449. Die Ausgaben waren bisheralle unvollständig: W. Müldener, Die zehn Gedichte des Walther von Lille, Hannover1859; einzelnes früher bei Leyser p. 779, bei Th. Wright, The latin poems commonlyattrib. to Walter Mapes und Political Songs und Anecdota literaria, bei Haureau, Not.et Extr. de quelques mscr. 6, 293, Dumeril, Poes, popul. lat. du moyen äge p. 155.160,R. Peiper, Walter von Chatillon S. 14. Kritische Ausgabe von K. Strecker. Moralisch-satirische Gedichte Walters von Chatillon, Heidelberg 1929.
13. HENRICUS SEPTIMELLENSIS
Heinrich stammte aus Settimello bei Florenz und war anscheinend vonbäuerlicher Herkunft. Er hatte in Bologna studiert und scheint Kleriker ge-wesen zu sein, da ihn die Fortuna 4, 89 f. ermahnt, sich nie der Simoniehinzugeben. Nach einem längeren, in Glückszustand verbrachten Lebenfühlte er die Gebrechen des Alters und den Wechsel des Glückes derartig,daß er sich entschloß, einem alten Freunde in Longepres 1 in einem Gedichtdie alte Liebe ins Gedächtnis zurückzurufen und einem zweiten Freunde,der in Florenz Bischof war, das Gedicht über den Wechsel des Glückes unddie Tröstungen der Philosophie zu widmen. Es besteht aus vier Büchernund zählt 502 elegische Distichen. Während im ersten Buch der Dichterüber sein Unglück spricht, bestehen die drei letzten Bücher aus Wechsel-reden zwischen ihm und der Fortuna und der Phronesis. Diese Auseinander-setzungen und Klagen sind vielfach aus der alten Literatur (besonders Ma-
1 Wenn die Lesarten in 4, 232 und 237 richtig sind.