D. Persönliche Dichtung 931
Gegend, wo er eine Menge literarischer Gestalten des Altertums sieht, diedie Hauptvertreter der freien Künste waren. Außer diesen erblickt er dieSchuldichter und jede Gestalt führt eine Aufschrift an sich. Dann wird er voneinem Engel in den Himmel emporgehoben, wo ein gewaltiges Tosen ent-steht und sieben Leuchter und sieben Gestirne sichtbar werden. Da erklärtihm der Engel das Buch mit sieben Siegeln und gibt ihm eine höchst sati-rische Deutung der vier apokalyptischen Tiere auf die höhere räuberischeGeistlichkeit vom Papste bis zum Dekan. Außerdem erhält der Dichter eineErläuterung der einzelnen Kapitel des Buches mit scharfen Ausfällen gegenden Klerus und zwar mit Anbringung einer großen Menge aufdringlicherWortspiele; besonders stark werden hier die Äbte mitgenommen, derenwüstes Trinken Vs. 361—380 sehr lebendig dargestellt wird. Im drittenHimmel sieht dann der Dichter die Herrlichkeit Gottes, aber ein StückMohnbrot und ein Glas Lethe, die ihm dargereicht werden, lassen ihn daraufvergessen, und mit den Worten Juvenals (2, 40) ,De caelo cecidi ut Catotertius' fällt er vom Himmel herab, unfähig, die geschaute Herrlichkeit zuberichten. — Man hat das Gedicht früher dem Walter Map beigelegt, esenthält aber so grobe Ausfälle gegen den Klerus, daß man es dem feinenund witzigen Map gar nicht zutrauen kann, wie sich auch Haureau 1 schongegen dessen Autorschaft ausgesprochen hat, dem Bömer 2 und Frantzen 3gefolgt sind.
W. Meyer spricht es auch Walter von Chatillon, dem Hugo Primas und dem Alan ab, 4und auch Strecker möchte es keinem dieser Dichter beilegen; 5 er nimmt einen Engländerals Verfasser an. 6 Die Form der Apokalypse sind rhythmische Alexandriner, die zu viertzweisilbig gereimt zu 110 Strophen zusammengestellt sind. Das Gedicht war sehr ver-breitet, Strecker zählt 68 Hss. auf. Ausgaben sind zahlreich; zu nennen sind besondersdie von Wright (Map) p. 1, von W. Müldener N. 4 p. 19, von Haureau, Not. et Extr.29, 2, 277 und namentlich von Strecker, Die Apokalypse des Golias, Rom 1928, S. 16—37.—Vgl. Brinkmann, Germ, roman. Monatsschr. 1924,118.
Außer den vorstehenden werden aber noch viele andre Gedichte über-liefert, die nach den Untersuchungen Streckers große Ähnlichkeit mitdenen Walters aufweisen und die Strecker daher wenn nicht Walter selbst,so doch seiner Schule zuweisen möchte. Die meisten sind in Vaganten-strophen gedichtet, deren vierter Vers einem antiken, seltener mittelalter-lichen Dichter entlehnt und dessen Ausgang grundlegend für den Reim derganzen Strophe geworden ist. 7 Es handelt sich hierbei um folgendeStücke.
Cum declinent homines a tenore veri, bei Wright (Map) p.163 mitder Überschrift De avaritia et luxuria mundi, besteht aus 32 Vaganten-strophen. Der Dichter spricht erst von der Zunahme der Geldgier; sie seieine Torheit, da die Bewachung eines großen Vermögens bedeutende An-strengungen erfordere. Auch Ruhm und Gunst beim Volke und ebenso mili-tärische Ehren brächten kein Glück und seien unbeständig. Manche ergrei-fen die Rolle des Schauspielers, andre versinken in Schlemmerei, alles geht
1 Not. et extr. 29, 2, 302. S. 1 f. Dort S. 10 ist die Disposition der
2 Ztschr. f. deutsch. Altert. 49, 222. Dichtung gegeben.
3 Neophilologus 5, 358. 6 A.a.O. S. 8 f.
4 Göttinger Nachr. 1914, Heft 2. 7 Man nennt diese Verse die Auctoritates.6 Die Apokalypse des Golias, Rom 1928, Andre Dichter sind hierin gefolgt.
59»