D. Persönliche Dichtung 929
und werden durch eine ziemlich drastische Pastourelle mit Natureingang er-öffnet (N. 17); ein ähnliches Gedicht, aber fast ohne solchen Eingang gibtN. 32, während der Natureingang bei N. 28 und 31 erscheint. Selbst dieWinterkälte nimmt dem Dichter nicht die Liebe (N. 18 und 21), aber die Liebetritt doch auch wieder gegen die Natur zurück (N. 19. 24. 26). Einige Liedersind von ernsterer Stimmung: die Geliebte (Niobe) ist ihm untreu geworden(N. 23), oder ihm fehlen die Mittel, die Geliebte zu beschenken (N. 22),oder er verwünscht gar den Tag, da ihm die Geliebte eine Tochter geborenhat (N. 20).
In diesen Liedern verwendet Walter hauptsächlich den steigenden Sieben-silber, den steigenden Achtsilber und den Sechssilber. Diese wie auch andreFormen benutzte Walter zu Versen und Strophen von recht einfacher Reim-technik, und nur eine kleine Zahl von Gedichten zeigt einen kunstreicherenStrophenbau. Sehr häufig finden sich in Walters Liedern Reminiszenzenan Ovid, außerdem an Horaz und Vergil und an Juvenal.
Erwähnt sei, daß N. 3 Str. 5 in das eigentümliche Lehrgedicht W 3 aufgenommenworden ist, und zwar Vs. 1—8 in dessen erste Fassung im Oxon. Digby 168, aber geteiltals 28, 3 f. (S. 47) in die zweite Fassung im Oxon. Bodl. 603 und Digby 166. Ueberliefe-rung in St. Omer 351 s. XIII f. 14b—20b, fragmentarisch im Oxon. Bodl. Add. A 44s. XII ex., N. 30 und 33 auch im Laur. Plut. 29,1 f. 354. 355 und Sangall. 383 s. XIIIS. 173; einzelnes auch im Arundel. 384 s. XIII und Monac. 4660 (Carm. Burana). Aus-gaben von Mone, Anz. f. Kunde d. deutschen Vorzeit 7 (1838), 101 ff. 287ff. und besondersvon Karl Strecker, Die Lieder Walters von Ghatillon in der Hs. 351 von St. Omer,Berlin 1925. Vgl. Strecker, Ztschr. f. deutsch. Altert. 61,197 ff.
W. Diese Sammlung, zu der in andern Handschriften (außer Paris. 3245)Vervollständigungen treten, scheint nicht nur Dichtungen zu vereinigen,die später als die von O fallen, denn in ihr finden sich zwei Selbstzitateaus O, nämlich das eben erwähnte in beiden Fassungen von W 3 und außer-dem in dem von Paris. 3245 nicht überlieferten „Ecce nectar roseum" (W14,2,4 p. 128), wo Walter mit den Worten „Quia sicut alibi per me declaratur"024,3, 5 f. anführt. Da nun W3 vor die Alexandreis fällt und nach 03gedichtet ist, so würde sich hieraus die Reihenfolge OW Alexandreis er-geben, indes kann ja W als Sammlung später entstanden sein. Sie ent-hält die von M ü 1 d e n e r gedruckten Stücke außer der Apocalypsis Goliaeund zehn von Strecker hinzugefügte weitere Gedichte.
Fast die Hälfte aller dieser Lieder richtet sich gegen die Entartung derGeistlichkeit, besonders des hohen Klerus, dessen Laster gehörig an denPranger gestellt werden (vgl. N.9.10.13). Wenn freilich die Verweltlichungder Kirche und die Herrschaft des Geldes in der Welt nach allen Rich-tungen hin dargestellt (N. 1. 4. 5.8.10) und die Philosophen des Altertumsgepriesen werden, daß sie freiwillig Armut erwählten, während heute dieWissenschaft verfalle (N. 11), so ist das stark weltlich klingende Gedicht 6schwer damit zu vereinigen, in dem Walter zu dem Resultat kommt, Ge-lehrsamkeit helfe nichts, sondern man müsse eben Geld erwerben. In einemanderen Gedicht (7 a) heißt es, daß nur die Tugend Bestand habe und daßsich der Mensch mit seiner Besserung beeilen müsse. Persönlicher und hand-greiflicher wird der Dichter in Nr. 2, einem ergreifenden Klageliede aufRoms Untergang und auf die sittliche Verderbnis der Kurie, was ihn aber
H.d.A. 1X2,3 59