D. Persönliche Dichtung 923
zeitgenössischen Poeten geglückt wäre. Er spricht in der Prosavorrede sehrdeutlich von dem Neide, dem auch die begabtesten Schriftsteller wie Vergilund Hieronymus ausgesetzt gewesen seien, und er erwähnt nicht ohne Stolz,daß der gewaltige Stoff von Alexanders Taten nicht einmal von einem an-tiken Dichter in Angriff genommen worden sei, wie Servius berichte. Nurfünf Jahre habe er zu dieser Dichtung gebraucht, und er habe sie eigentlich,um dem Neide zu entgehen, wieder vernichten wollen. Endlich aber habeer beschlossen, sie ans Licht zu bringen, denn er halte sich nicht für besserals Vergil, der so viel unter dem Neide zu leiden gehabt habe. Seit etwa 1178arbeitete Walter an dem Werke, 1 das um 1182 beendet und um 1184 heraus-gegeben wurde 2 und sich sehr früh hoher Wertschätzung erfreute, da eineStelle (10, 448—450) schon in der Grabschrift Heinrichs II. (1189) Aufnahmegefunden hat. 3 Walter widmete das Gedicht seinem Gönner Wilhelm vonReims mit auf ihn hindeutenden Worten sowohl am Anfang 1, 12—26 undam Ende 10, 561—569; er gedenkt aber auch in der Mitte (5,513 f.) desErzbischofs, ohne ihn unmittelbar zu nennen. Daß übrigens Walter mit denNeidern recht hatte, ersieht man aus einer Stelle von Alans Anticlaudian:Alan hatte wohl davon Kenntnis, daß Walter Alex. 10, 1—167 das GedichtDe planctu naturae stark benutzt hatte, 4 und vielleicht aus diesem Grunderichtet er sich Anticlaud. 1,165 ff. in kräftiger Weise gegen Walter, den ermit dem Mevius, dem Gegner Vergils und notorisch schlechtem Dichter, ver-gleicht. Voll hohen Lobes aber spricht sich bald darauf Wilhelmus Brito inder Philippis Prol. 9 und 7, 837 ff. über die Alexandreis aus. Und in derHist. annorum 1264—1279 erscheint ein Vers aus dem Gedicht 5 als auseinem allgemein bekannten Werke entnommen. Heinrich von Brüssel 6 sagt,daß zu seiner Zeit die Alexandreis den antiken Poeten vorgezogen werde,und Hugo von Trimberg hebt das Gedicht im Registr. mult. auctorum ge-bührend hervor (Vs. 307—316 und 331—354). Angeführt wird die Alexan-dreis mit Ge[s]ta ducis Macedum in der Bataille des Sept Arts Vs. 278 undmehrere Verse finden sich in den Distinctiones monasticae (ed. Pitra,Spicileg. Solesmense 2, 219. 3, 235. 467), während das Florileg im Paris.15155 s. XIII eine große Menge Verse aus dem Gedicht zusammenstellt. 7Und endlich zeugt für die große Beliebtheit des Werkes der Umstand, daßAlex. 5, 301 Incidis in Scyllam cupiens vitare Charybdim zum geflügeltenWorte geworden ist, wie E. Sandys (Hermathena 12, 438) bemerkt hat.
Zeugnisse. Aus der Vorrede Migne 209, 463A Hoc ego reveritus diu te, o mea Alexan-dreis, in mente habui supprimere et opus quinquennio elaboratum aut penitus delere aut certequoai viverem, in occulto sepelire . . . Tandem apud me deliberatum est te in lucem esse pro-jerendam . . . Non enim arbitror meliorem me esse Mantuano vate . . . lectores considerentarcti temporis brevitatem . . . et altitudinem materiae, quam nullus veterum poetarum, testeServio, ausus fuit aggredi perscribendam. Zur Widmung Alex. 1,12 At tu . . . Senonum quo
1 Die Notiz im cod. Matthiaeus (Müldener Altertum 27 (1911), 520ff.
p.35, Christensen S. 6) hoc opus incepit 5 MG. SS. 9, 652 mit der Einführung ,iuxta
eodem anno quo b. Thomas martyr sanguinis illud poete'.
sui testimonium perhibuit wird von Ghri- 6 Die Worte vgl. oben.
stensen S. 6 mit Recht abgewiesen. 7 Vgl. Fr. Novati, Melanges Paul Fabre
2 Vgl. H. Christensen, Das Alexander- p.268f. Die Verse aus der Alexandreis rei-lied Walters von Chatillon S. 4—13. chen hier von f. 137 bis 145. Auch das Flori-
3 Vgl. Christensen S. 10. leg. Gottingense (Voigt, Roman. Forsch. 3,
4 Vgl. Fr. Pfister, Neue Jahrb.f. d.klass. 291) gibt Verse aus Walter.