D. Persönliche Dichtung 913
Mietlinge verdorben, sondern jede Gemeinde soll durch ihren Leiter gelenktwerden, der dazu fähig ist." — Am Schlüsse wendet sich der Dichter nocheinmal mit scharfem Angriff gegen die Prälaten, die die Schuld an der großenVerwirrung trügen. Und er bringt eine Reihe Beispiele aus dem Alten Testa-ment für ähnliche Verblendung, wo sich aber, wie er meint, stets ein Retterin der Not gefunden habe. Aber der Mann, der vom Herrn beauftragt wurde,in Jerusalem alt und jung zu töten, wird das heilige 0 an die Stirn derWehklagenden zeichnen, damit sie nicht die Schwerter der Tötenden fühlen. 1
Hierauf folgt eine Excusatio rithmi in drei Strophen: Du wirst sagen, daßich geirrt und die Gesetze des Rhythmus nicht befolgt habe. Allerdingshabe ich mich um manches nicht gekümmert und einiges schwer gemacht,was leicht nach oben strebt. 2 Das vermeiden aber nur wenige, und ich hatteacht auf die Verse derer, die mutigen Herzens sind, und habe mich danachgerichtet.
Das Gedicht ist sehr eindringlich und scharf gehalten und wendet sichmit sehr harten Worten gegen die völlige Verweltlichung des Klerus. DenDichter aber werden wir unter dem niedern Klerus zu suchen haben, der jastets mit den Prälaten in Streit gelegen hat.
Das zweite Gedicht Quispiam ad quandam virginem besitzt 111Vagantenstrophen, von denen einige auch daktylischen Ausgang haben.Hier tritt der Dichter aus seiner Anonymität heraus, indem er den vier er-sten Strophen das Akrostichon Gillebertus fecit einverleibt hat, worauf erin der Schlußstrophe aufmerksam macht. 3 Im Eingang preist er die Jung-fräulichkeit: die Jungfrau, die die Freuden der Welt liebe und den Aufschubder Ehe schwer ertrage, sei nicht die rechte. Es folgt die Ermahnung, sichnicht durch schlechtes Beispiel verleiten zu lassen, sich nicht um Vergäng-liches zu kümmern und stets die Nähe des Todes vor Augen zu haben. 4 Undsie möge die Jugend im Guten unterweisen und sich vor dem Volke nichtfürchten, aber mit den Lastern der Welt kämpfen und deren Verlockungenniedertreten. Dazu ist es nötig, die Braut Christi zu werden. Und durchÄußerlichkeiten solle sie nicht Gefallen erregen wollen, aber auch hierin dasÜbermaß meiden, um nicht zu mißfallen, 5 und es sei töricht, den Körperdurch häufiges Fasten zu martern. Und lieber möge sie im Hause bei denIhrigen bleiben, als sich unters Volk zu mischen; und wenn sie mit einemjungen Mann zusammen sei, möge stets ein Dritter dabei sein. 6 Und sie solleauf gute Worte hören, barmherzig sein und sich als Braut Christi betrachten;als solche solle sie den Kampf mit der Welt aufnehmen, um dem JüngstenGericht ruhig entgegenzugehen.
So bietet das Gedicht allerhand Ermahnungen in der herkömmlichen Art,ohne geradezu zum Eintritt ins Kloster aufzufordern und ohne wesentlichNeues zu geben. Die Forderungen sind dem Geiste der Zeit entsprechendvernünftig und überschreiten das Maß nirgends.
1 Nach Ezech. 9, 1—6. s Quis hunc composuerit rithmum si vis
2 1, 4 Sursum tendunt aliqua quae quasi scire, Inter primos poteris versus invenire.gravavi. Das kann sich nur auf die Form und 4 24, 3 Omnem diem ultimum credas appa-nicht auf den Inhalt beziehen und geht wohl rere nach Hör. Bp. 1, 4,13.
auf Akzentverstöße (in den biblischen Na- 6 77, 2 Latitat superbia sub humilitate.men wie 64, 1 Ysaias?). 6 84, 4 Caveas ne Pylades deserat Orestem.
H.d. A. 1X2, 3 58