912 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
Jetzt schreit alles nach Geld, und Magister, Rechtskundige, Theologen undDekretisten füllen sich damit nicht Kästchen, sondern Kisten und folgendarin nur den Bischöfen, Herzögen und Patriarchen. Dem reichen HerrnAbt stehen vier Rechtsbeistände bei, er hat ja Kirchen zu vergeben! DerArme muß für sich allein reden, ihn verteidigt niemand, 1 von ihm ist nichtszu holen. Und liegt der Inhaber einer Pfründe auf dem Sterbelager, 2 dannbespricht sich der Patron mit den Seinen, die ihm raten, sie ja nicht um-sonst zu verleihen. Und unter hundert Lehrern sei kaum einer mit seiner Ka-nonikerstelle zufrieden; es sei eben erlaubt, mehrere Kirchen zu verwalten.Und während der Abt im Kloster erst nach vielen Versprechungen an dieBrüder gewählt wird, 3 gibt der Inhaber vieler Kirchen diese nur an Ver-wandte und Freunde bei seinem Tode. Andere geben die Kirchen an halbeKnaben oder übertragen sie auf sich selbst, nach Art der alten Bischöfe, diezwei Sprengel verwalteten, wie Maternus; um keinen Genossen zu erhalten,gehen sie lieber siebenmal nach Rom. So ist ein Taumel unter die Klerikergekommen, denn ehe er eine Kirche in andre Hand gibt, geht der Inhaberlieber siebenmal zum Papst, 4 stürzt lieber vom St. Bernhard mit Beinbruchherab und bringt das lombardische Fieber aus Italien mit. Wegen des Seelen-heils geht aber niemand viermal nach Rom, denn darum kümmert man sichnicht; der Arzt muß lange über den Büchern schwitzen, 5 doch der Seelen-arzt weiß sofort zu helfen. Man scheut die Armut, und neue Gesetze undKanones werden erdacht, um sich von ihr zu befreien. Nimm so viel Kirchen,als du bekommst, heißt es jetzt, und ich selbst habe manchen Dekretistengesehen, der dem die fünfte Kirche zuwies, von dem er wußte, daß er vierschlecht verwalte. Und dieser Weise rät das nicht nur, er läßt es auch ge-schehen; er verteidigt es nicht nur, sondern will auch selbst die fünfte Kircheerlangen. „Nur recht viele Kirchen," heißt es, „die Vikare mögen die Seelenbesorgen, wir stecken die Einkünfte ein; von der Schuld kann jeder Dekre-tist befreien." „Ach, wird man sagen, was bist du für ein Tor! Der Adligemuß viel Leute einladen, dazu langt eine einzige Pfründe nicht, und er kannnicht allein an seinem Tische sitzen." „Nein, ich will den Adligen nicht inden Zustand des Armen versetzen, er soll die Güter seiner Väter haben, abernicht den Besitz des Armen begehren. Denn der Besitz der Kirche gehörtden Armen und der Edle entadelt sich, wenn er dem Armen das wegnimmt,was diesem gehört. Den Landstreicher, 6 der seinen Quersack vollgebettelthat und weiter um Brot anspricht, läßt du durchprügeln, und wer nicht ge-nug Kirchen erhalten kann, ist doch dem ähnlich, der den Hungernden aus-raubt. Und der Geistliche wird wie der Reiche, er freut sich an der Jagd,geht reich geschmückt einher, sitzt auf goldnen Stühlen und hat eine MengeDiener wie der Herr vom Adel. Aber er sollte die Herrschaft zum Heil desVolkes ausüben, keinen zeitlichen Vorteil erstreben und nur Gott zu ge-fallen suchen. Und das Volk soll nicht durch Knaben geleitet und durch
1 Pauper cur despicitur? cur ubique iacet? eine wirkliche Tatsache.
2 118, 4 Extremum ne Scabies possit occu- 6 199,2 Diu solet medicus libris insudare...pare nach Hör. A. P. 417. Animarum medicus statim seit curare.
3 Hier findet sich 141,1 der Hiatus doleo et e 235,1 Si ribaldum videas saturuni portare(am Ende der ersten Vershälfte). Plenam pane manticam et adhuc rogare.
1 Diese Wiederholung deutet sicher auf