D. Persönliche Dichtung 907
Bin Gedicht 1 in achtzehn leoninischen Distichen ist eine Bitte an Lud-wig VII. von Frankreich gegen die in Paris durchaus ungescheut ausgeübteSimonie, Regi Francorum minimus sie Serlo suorum beginnend. Nachlanger, recht unpassender Einleitung kommt Serlo endlich Vs. 26 auf denZweck des Gedichts, er ruft dem Könige zu ,studii suecurre ruinae, . . .Palladis arma tege'. Nämlich die Simonie herrsche und er als Lehrer müssegeben und schweigen. In den Dekreten aber heiße es, wer lehrt, gebe dieWahrheit, sonst nichts. 2 Und so offenbare er dem Könige, daß er öffentlichlese und heimlich gebe, und bitte ihn, daß er diesem Unwesen ein Endemache. Die Anklage aber geht darauf aus, daß der Kanzler der PariserKirche von den Lehrern in der Stadt nicht nur Gehorsam, sondern auchinsgeheim Geld verlangte, 3 was hier offen als Simonie bezeichnet wird.
In dem letzten der folgenden erotischen Gedichte gesteht Serlo, daß ernoch stärker auf Liebe sinne, als Naso in Corinna und Gallus in Lycorisverliebt war. Seine Liebe beruhe aber in der Hoffnung auf den ersten Liebes-verkehr mit der Geliebten, und daher komme es, daß er liebe, wenn er ver-schmäht werde, und verschmähe, wenn er geliebt werde. 4 Dazu paßt es ganzgut, wenn er in zwei Versen sich über seine Religiosität mit schneidendemHohn ausspricht: Wenn ich krank bin, krieche ich zu Kreuze; bin ich wiedergesund, kann ich die Religion entbehren. 5 Diese Verse zitiert Odo vonCheriton in einer Predigt des Jahres 1219 (Haureau p.314) und der Kom-mentator des Aesop im Paris. 8509 f. 4b, außerdem hat sie der Dichter selbstin Beispiele aufgenommen, die er in seinem Werke De diversis modis ver-sificandi gibt.
Das letzte Stück ist stofflich aus den Declamationes Quintilians genom-men und beginnt Vestra peritia dum regit omnia sidera tangit, ist also inTrinini salientes geschrieben. Ein Armer klagt hier einen Reichen an, daßer ihn planmäßig zugrunde gerichtet habe, worauf der Reiche sich vertei-digt, so gut er kann. Beaugendre hat das Gedicht fälschlich dem Hilde-bert beigelegt (Migne 171, 1400).
Daß Serlo die Welt verließ und ins Kloster ging, wußte man später etwasromanhaft zu begründen. 6 Er habe nämlich mit einem kranken Kollegenausgemacht, daß dieser ihm nach seinem Tode Mitteilung von der Höllemache. Der Kollege sei auch erschienen und habe sich dem Serlo gegenüberso furchtbar gezeigt, daß dieser alsbald die Welt verlassen habe mit denWorten ,Linquo coax ranis, cra corvis vanaque vanis; Ad logicam pergo quaemortis non timet ergo 1 . Also die Furcht vor der Glut der Hölle, meinte man,habe den Serlo abgehalten, sein weltliches Leben fortzusetzen. Diese Ge-schichte machte Eindruck, denn sie wird auch von Jakob von Vitry inseinen Sermones vulgares im Paris. 17509 f. 32 und von einer ganzen Reiheandrer Autoren erzählt. 7
1 Haureau a.a.O. 1, 310ff. 5 Dum fero languorem, fero relligionis amo-
2 Vs. 32 Ast in decretis legitur; Quicumque rem, Expers languoris non sum memor huiusdocetis, Verum dicatis; hoc date, sitque satis. amoris.
3 Vgl. Chartularium universit. Parisiensis, 6 Leyser, Hist. poet. et poem. med. aeviIntrod. p.XIII. p.442.
4 Vs. 5 Unus me coitus vincit. . . 9 Spe tan- ' Vgl. Haureau, Mem. de l'Inst. de Fr.tum primi coitus amo, spe satiatus. 17 Diligo Acad. des inscr. et belles lettres 28, 2, 243.dum spernor, dilectus sperno faventes.