878 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
wenn ich bäuerliche Gespräche führe. Oft habe ich hohen geistlichen HerrenGedichte gewidmet und dafür nur schöne Worte erhalten. Lieber möchteich zu einer kleinen Münze werden, als der Dichter Ovid sein, denn derPossenreißer gilt dem Bischof mehr als das Werk eines guten Poeten. Weralso elend bleiben will, der dichte, und wer reich werden will, der faulenze.Salomo tadelt die Faulen und Toren heute vergebens, denn wer heute nichtsät, der erntet viel. Früher gehörte es für den Kleriker zum guten Ton, ge-lehrt zu sein und viel zu wissen, heute muß man leichtsinnig sein. Geld zuhaben und zu kennen steht heute obenan und solche Leute erhalten denBischofsstab. Das nannte man früher Arithmetik, heute heißt es Geldmeß-kunst für den, der erhoben sein will. Und doch ist das Studium der Artesviel schwerer als Geld auf Geld und Zins auf Zins zu häufen, aber der Do-minus vobiscum weiß genau, daß jetzt der Denar alles vermag, und verehrtden Denar höher als Gott und er preist sich glücklicher als den armen Gram-matiker, obwohl ihm jede lange Silbe kurz ist und es ihm ganz gleichgültigist, ob er dominus sagt. Vor nichts fürchtet er sich, da er Geld besitzt und imGeldsack sein Recht liegt. Untätig und sorglos bringt er sein Leben hin undläßt auf dem Markt Geflügel und Fische und kostbare Gewürze wie Pfeffer,Ingwer und Zimt kaufen. Nach Salben und Wohlgerüchen duftet er, erhat ausgezeichnete Pferde und mit schimmernder Haut und im erlesenenGewände geht er nach dem Bade einher, Diener warten ihm auf und reicheGeschenke sammelt er ein, während der Kenner des Aristoteles und derGrammatiker bis an sein Lebensende betteln gehen muß. Der Reiche schließtseine Kiste auf und freut sich am Glänze der Mark, die sein Gott gewordenist. Geld ist der Herr der Welt, es hat Kirche, Welt und Fürsten unterjocht.Der Gelehrte aber stirbt arm und elend dahin, nur das Billigste kann er aufdem Markte kaufen, obwohl er schon tausend Gedichte den Reichen ge-widmet hat. Kein schönes Pferd trägt ihn, zu Fuß und am Stabe muß erwandern. Und mustert er seine Schätze in der Truhe, da sind es ein paarGedichte, Schreibtafel, Stift, alte und neue grammatische Schriften und diescharfen Waffen des Aristoteles, 1 die aber gegen Armut nichts helfen. Dassind die Reichtümer der Philosophen, die im Reiche der Presbyter bettelngehen. Wer nichts hat, wird nicht geehrt, für ihn ist es genug, wenn er alsehrlich und gut gilt. Wer also Geld und Ehren sucht, muß ein Dominus vo-biscum werden, da man nur in jenem Stande vorwärts kommen kann. Unddann wird der arme Grammatiker zum Geldzähler werden.
U eberlief erung im Paris. 16699 f. 173. St. Omer 115. 710. Ausgabe bei Math. Fla-cius, Varia doct. viror. de corrupto eccl. statu poemata p. 349—354; bei Fierville, In-struct. adress. par la commiss. des trav. historiques p. 26 und Not. et extr. 31, 1,130 ff.
Kleine Gedichte. Ein Epitaphium abbatis in sechs Versen ohne besondere Bezie-hung auf den Abt, dessen Name auch nicht mitgeteilt wird. Dann ein unvollständigesGedicht an einen Chor von Sängerinnen, beginnend Exacta cena Au.ee luna nocte serenaIbam. Eine Fides catholica de essentia divina in Hexametern, die auf dasselbe Wort{esse) endigen, beginnt Esse quod est ex se deus est per quem datur esse; von Vs. 35 an wirddie Trinität mit engem Anschluß an Sedulius behandelt (Vs. 42 Pasch. C. 1, 35. 33.49P. G. 1, 323. 51 P. C. 1, 322. 300), vgl. auch Not. et extr. 31,1,114; Ausgabe nach Paris.16699 s. XII—XIII bei Dreves, Anal. hymn. 15,11 f.; in vielen Handschriften anonym,im Paris. 8865 f. 145 bezeichnet mit Versus Petri Joannis filii. Versus de tnnitate, inder Ueberlieferung öfters mit dem vorigen verbunden. Dann Versus de natali dommi,
1 Gemeint sind dessen logische Schriften.