870 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
das üppige Leben in Bayeux hervorbrachte, der wohl Askese predigte aberselbst nicht dazu zu bringen war. In seiner merkwürdigen Beurteilung ein-zelner Berufsstände 1 zeigt sich der geistliche Hochmut nicht wenig, wenner meint, er gehe nicht darauf aus, ein großes Vermögen zu erwerben denndazu müsse man Kaufmann sein und Meineid und Lüge parat haben. DerAckerbau sei ihm doch zu schwierige Arbeit und als Bettler müsse er Schimpfeinstecken und erhalte vielleicht nichts, aber einem Wohltäter werde erdurch seine Dichtkunst zur Unsterblichkeit verhelfen. Ein Dichter war erfreilich nicht, wohl aber ein scharfer und zur Satire neigender Beobachterdes zeitgenössischen Lebens. Wie weiß er das Mönchsleben satirisch aus-zuschöpfen, wie heftige Angriffe richtet er gegen Abt Gisilbert von St.Stephan zu Caen, wie realistisch schildert er in dem Gedichte Ad Murieldas Schicksal der verheirateten Frau gegenüber dem Leben der Nonne!In der Heimat wenigstens muß er als großer Dichter gegolten haben, dennes wurden ihm später Dichtungen beigelegt, 2 die nichts mit ihm zu tunhaben. Mit der Ausscheidung der unzweifelhaft echten Dichtungen aus derim Cotton. Vesp. A 12 vorliegenden Sammlung 3 hat sich H. Böhmer eingroßes Verdienst erworben. 4 Vier Gedichte scheiden ohne weiteres als demMarbod zugehörig aus, nämlich (3) Ad virginem deo dicatam, (7) Rushabet, (8) Ad amicum absentem und(9) Inmordacem einaedum;zwei andre gehören vielleicht dem Geoffroy von Winchester, (10) De regeWilhelmo und (17) Epigramme, und auch weitere sind dem Serlokaum zuzuschreiben. 5
Das am meisten persönliche Gedicht Serlos ist die Invectio in Gille-bertum abb. Cadomensem (um 1079—1080). Der Domherr hat sichnicht gescheut, von dem Abt ein sehr häßliches Bild zu entwerfen, dessen ein-zelne Züge mehrfach ins Obszöne streifen. Er schildert ihn als einen völligweltlichen und nur leiblichen Genüssen ergebenen Herrn, der so viel zu sichnehme, daß zwanzig Arme davon satt werden könnten, und der wie schwan-ger aussehe. Seine geistlichen Pflichten vernachlässige er, aber er ziehe mitdem Habicht auf die Jagd und sein Hof sei eine Bäuberhöhle, wo niemandHecht bekomme. Im Gegensatz zu der fast unflätigen Grobheit dieses An-griffs steht das Gedicht Ad Odonem, das in fünfzehn leoninischen Di-stichen den Bischof Odo bei seiner Bückkehr aus der Gefangenschaft (1087)beglückwünscht. Eigentlich dichterischen Ausdruck vermißt man freilichauch hier, wie überhaupt Serlo von der zierlichen Ausdrucksweise und demeleganten Stil der lateinischen Dichter Frankreichs nichts kennt.
Seine bedeutendste Dichtung ist De capta Baiocensium civitate.Über die Ereignisse, von denen hier gehandelt wird, unterrichtet uns Or-dericus Vitalis Lib.XI zum Jahr 1106, indeß bei weitem nicht so eingehend wieSerlo, der Augenzeuge des großen Unglücks war, aber sich über die Ursachen
1 De capta Baioc. civitate 279—319. Tb.. Wright, The anglo-latin Satirical
2 Und zwar abgesehen von solchen, die poets 2, 232—258. 208. 202. Das Gedichtdem Serlo von Wilton gehören. unter der Aufschrift Gualonis Bntoms ln-
3 Die Hs. wurde bei dem Brand im Jahre vectio in monachos (Sacrilegis monachis) ist1737 stark beschädigt. von mir unter Gualo behandelt (oder oh
4 Neues Archiv 22, 709—715. Gualo = Serlo?), De filiis presbiterorum6 Die meisten Gedichte herausgegeben von wird unter den .Streitschriften' aufgeführt.