D. Persönliche Dichtung 869
außerdem finden sich sachliche Erweiterungen, wie von Menschen erzähltwird deren facies colore sideris sei, oder von fischeessenden Wassermenschen,oder von Menschen, die in der Finsternis sehen, von Menschen, derenMänner auch gebären können. Der weitere Teil des Gedichts handelt vonder Natur der Tiere und ist jedenfalls auch von Isidor abhängig. Dassechste Gedicht enthält das Lob der Maria und stellt ihr Leben nach derBibel und nach der Phantasie des Dichters dar. Das folgende, dessen Ein-gang fehlt, ist eine ausführliche Behandlung der Miracula s. Benedicti.Das achte Gedicht, das sich vielleicht auf den Phönix bezieht, handeltvon einem wunderbaren Vogel: Est avis insignis, quae putribus edita lignisNee matrem sequitur, nee alite matre fovetur. Das letzte, ,Pontificum spuma 1,beginnend, gehört überhaupt nicht in diese Umgebung.Ueberlieferung im Paris. 8433. Auszüge Hist. litt. 11, 1 —10.
2. SERLO VON BAYEUX
Nachdem Dom Brial in der Hist. litt. 15, I — XV die ersten Fingerzeigefür die Feststellung der Persönlichkeit Serlos gegeben hatte, haben P.Meyerund H. Böhmer scharf zwischen Serlo von Bayeux und dem um ein Men-schenalter jüngeren Serlo von Wilton geschieden. Serlo von Bayeux ist um1050 als der Sohn eines normanischen Priesters geboren und hatte vom Vaterein kleines Besitztum mit einer Landkirche geerbt, das unweit von Caen lagund wegen dessen er mit dem Stephanskloster zu Caen heftigen Streit führenmußte. Doch Bischof Odo von Bayeux trat auf seine Seite und erhob ihn zumDomherren; mit ihm besuchte Serlo 1095 das Konzil von Glermont. Dochwurde sein Leben stark durch den Streit zwischen König Heinrich I. von Eng-land und dessen Bruder Robert von der Normandie erschüttert. Als nämlichdieser vom Kreuzzuge zurückgekehrt war, fand er seinen jüngsten BruderHeinrich auf dem Thron Englands, da Wilhelm II. im Jahre 1100 bei einerJagd ums Leben gekommen war. Robert verfeindete sich mit seinen Va-sallen, so wurde es Heinrich leicht, auf dem Festlande einzugreifen und1105 kam es zur Einnahme und zum Brande von Bayeux, wobei Serloalles verlor; Robert wurde gefangen genommen und verbrachte die weiteren29 Jahre seines Lebens in Haft. Doch Serlo fand nach der Einnahme derStadt vielleicht in König Heinrich selbst einen mächtigen Gönner. Zwischen1113 und 1122 ist er gestorben.
Serlo nahm nun Teil an der hohen geistigen Kultur, die sich in denKlöstern Bec, Bayeux und Caen kundgab. Man fand damals in der Nor-mandie mit zuerst den Mut zur unmittelbaren Verspottung der kirchlichenMißstände. Die höhere geistige Kultur ließ eine neue Literaturgattung er-stehen, die kirchliche und kirchenpolitische Satire, die fortan nicht wiederzum Schweigen kommt. Und die Anfänge dieser Gattung finden wir inden Gedichten Serlos. Bischof Odo war zwar ein großer Begünstiger wissen-schaftlicher Dinge in Bayeux, aber einen Mann von höchst unkirchlichemLeben, wie die königliche Familie, zu der Odo als Bruder Heinrich I. ge-borte, die Gebote des Christentums ja überhaupt vernachlässigte. SerlosGedichte spiegeln etwas von dem Geiste wider, der an Odos Hofe lebte,der Dichter selbst war ohne tiefere Empfindung, ein Genußmensch, wie ihn