868 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
DPERSÖNLICHE DICHTUNG
(GELEGENHEITS- UND ZEITGEDICHT, ELEGIE, SATIRE)
1. PAGANUS BOLOTINUS
Von den Lebensumständen des Payen Bolotin ist wenig bekannt. DieHist. litteraire de la France 1 berichtet, daß er vielleicht in Chartres seine Bil-dung erhielt, wenigstens war er zur Zeit des Bischofs Ivo dort Kanonikusund er begleitete 1113 den Abt Thomas von Morigni auf einer Romreise. SeinName findet sich am Ende einer Urkunde Ivos vom Jahre 1113. Sein Lebenfällt also in die Zeit, da die Ordensgründungen sich mehrten und er standwie so viele Kleriker, den neuen Orden feindlich gegenüber, wie sich auseiner von ihm gedichteten Satire deutlich ergibt. Vielleicht ist er mit demPaganus identisch, an den Balderich von Bourgueil das zweite Stück seinerSammlung richtete, worin er den Freund hoch erhebt und ihn bittet, dercastigator seiner Gedichte zu sein.
De falsis heremitis qui vagando discurrunt. Ordericus Vitalis,der das Gedicht allein zu erwähnen scheint, erklärt, daß es sich besondersgegen die Zisterzienser wende. Es beginnt mit einer sehr drastischen Dar-stellung über die ungeistliche Art gewisser Einsiedler und wendet sich danngegen alle neuen Orden, während der Dichter die Benediktiner kräftig inSchutz nimmt. Und auch im weiteren Verlaufe des Gedichts finden sich dieschärfsten Angriffe gegen die Neugründungen. Das Gedicht besteht ausHexametern, und zwar aus solchen, die W. Meyer Adonici nennt, 2 da siesich aus drei Adoniern zusammensetzen; hier treten sie als Caudati auf,doch mit der Besonderheit, daß sie auch zu dritt oder viert reimen, also denAnfang zum Tiradenreim machen. Die flüssige Form der Adonici bedingteine leichte Verständlichkeit des Inhalts.
Zeugnisse. Ordericus sagt Hist. eccl. 8 (Duchesne, Hist. Norm. SS. ant. p. 711)Paganus Carnotensis canonicus cognomento Bolotinus pulcrum Carmen Adonico metro 3nuper edidit, in quo palliatas horum hypocrisi superstitiones subtiliter et copiose propalavit.Zum Ausfall gegen die Orden am Schluß (Hist. litt. 11, 5) Scripta legentes quae didiceruntnon imitantur, Recta docentes quae docuerunt non operantur. Zu Balderichs Gedicht vgl.Ph. Abrahams, Les oeuvres poetiques de Baudri de Bourgueil (Paris 1926) p.2ff.Vers 48 Tu castigator codicis eslo mihi. Die Zeit würde stimmen.
Ueberlieferung im Paris. 8433, Auszüge daraus Hist. litt. 11, 3 ff.
Im Paris. 8433 folgen auf Paganus einige Gedichte, die auch auf das12. Jahrhundert hinweisen und zum Teil vielleicht in die Nähe des Paganusoder ihm selbst gehören. Die zwei ersten handeln von Weltverachtung, dasdritte gibt Lebensregeln für einen jungen Mann, das vierte stellt Betrach-tungen über den Tod an. Das fünfte ist lehrhafter Natur und beschäftigtsich zunächst mit den Monstra unter den Menschen und anderen lebendenWesen, und zwar in engem Anschluß an den von Isidor Et. 11, 3, 5—19gebotenen Stoff, doch mit wesentlichen Abweichungen von der Reihenfolge;
1 11, lff. geben die Verse Quos nee habere caputjama
2 Münchner SB. 1873, 1, 83f. vetusta sinit und Altera sed vitulum dicit ut
3 Er hielt also das Gedicht für überhaupt hisloria (Isid. 11, 3, 5 ut ex muliere vitulumin Adoniern verfaßt. dicit historia generatum).
* Daß Isidor wirklich benutzt ist, er-