C. Kirchliche und religiöse Dichtung 867
und kappadozische Parther schmieden die Waffen auf dem Amboß, währendSpanier an den Mauern Wacht stehen. Aber wird dir der Lärm draußen zugroß, so suche den Palast auf, wo hundert Gemächer in allem Glänze bereit-stehen, um deinen Gliedern Ruhe zu gewähren. Und betrachte hier dieGemälde, wie sich die Philologie dem Merkur in Liebe ergeben hat. DieLiebe aber ist kein Verbrechen, denn die Götter selbst genießen sie undVenus ladet dazu ein." „Daß du zu deinen Wünschen gelangst," antwortetedie Jungfrau, „dazu bewegt dich mein Reichtum, meine Jugend und meinehohe Abkunft, und ich möchte, daß du meine Schönheit betrachtest.Willst du meine Glieder einzeln rühmen, so wirst du zu ihrem Lobe Mühegenug haben. Doch außer dem blonden Haar und den glänzenden Augenwill ich nichts erwähnen, da ja alles sichtbar ist." „Wundere dich nicht,"entgegnete ich, „daß »ich dich lobe, da du mein Herz mit Liebe erfüllst.Wie der Morgenstern unter den andern Sternen, so strahlst du unter den Mäd-chen. Von Sinnen komme ich, wenn du dein goldenes Haar über die Schulternschüttelst. Deine Augen erglänzen wie zwei Leuchter und die Brauen darübersind ohne Fehl, die Wangen zu besingen reicht die Zunge der Dichter nichtaus. Dein Antlitz erstrahlt in der Farbe der Sonne und dein Mund in der derRosen, glänzend weiß ist der Hals und darüber rötet sich das Halsband.Und deine Brust ist weiß wie Schnee, doch sie verbirgt sich besser unterdem Gewände." Zuletzt erklärt er, er sei ein Dichter und stehe höher alsApollo selbst und durch sein Lob werde eine jede unsterblich. Seine Musekönne nicht sterben und werde in tausend Jahren nicht alt. So lebe auchnoch die Lycoris des Flaccus 1 und Corinna sei nur durch Naso verewigtworden. Also möge sie sich ihm ergeben, um ewig zu leben.
Im Anfang besitzt das Gedicht eine gewisse Natürlichkeit, doch brichtdie Rhetorik bald siegreich hervor, indem der Dichter alle möglichen Si-tuationen schulgemäß 2 vor dem schönen Mädchen ausbreitet.
Der Ausdruck im Gedicht ist oft dunkel und zuweilen wegen des durchgeführtenLeoninus künstlich genug. Manches aus der Gelehrsamkeit wird aus Dichtern undderen Kommentaren wie aus mythologischen Handbüchern stammen. "Von einem Becherheißt es Vs. 65 Est scyphus in signo factus de manzere ligno: Munus opis vari<; rex deditUngarie; von der Stadt Vs. 185 Hanc diversorum genus incolit omne virorum: AnglusetAcaicus,Noricus, Ungaricus. Zu den Gewürzen Vs. 197—202 vgl. Dümmler, ZfdA.14, 262f., zu den kostbaren Trinkgefäßen und zur Kleiderpracht daselbst S. 263f. ErsteErwähnung durch Bethmann, Archiv 9, 624. Ueberlieferungim Epored. capit. f. 85s. XI (auf Warmunds 3 Befehl geschrieben), vgl. Dümmler, Anselm S. 86f. Ausgabesämtlicher Gedichte von Dümmler, ZfdA. 14, 245—260 und Anselm von BesäteS. 94—106, der Rhythmen Analecta hymnica 48, 88—93.
1 Muß wohl Gallus heißen nach Verg. Ecl. 2 Vgl.zur GelehrsamkeitDümmlera.a.O.
10,1 ff., wie schon Dümmler, Anselm von S. 92 n. 1. Seltene Worte Vs. 249 diatim
Besäte (Halle 1872) S. 92 n. 1 bemerkte. 281 responsalia.
Allerdings wird Lycoris auch von Horaz 3 Verse mit seiner Widmung bei Dumm -
Carm.l, 33, 5 erwähnt. 1er, Anselm v. Besäte S. 86.