866 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
ist. Es weist sich aus als eine didaktisch gehaltene Idylle mit lyrischem Ein-schlag und schmeckt stark nach der Schule. Der Dichter hat hier vielFremdartiges aufgehäuft und ist in seiner Hauptrichtung, die doch insreligiöse Gebiet fällt, kaum wiederzuerkennen. Als kulturhistorisches Denk-mal des 11. Jahrhunderts verdient das Gedicht von 150 Distichen etwasnäher besprochen zu werden.
Als ich mich einst, sagt der Dichter, im April am Ufer des Po ergingkam vom Flusse her eine schöne Jungfrau auf mich zu. Ich fragte sienach Heimat und Eltern und sie verriet mir, daß sie von königlicher Ab-kunft aus Troja sei und vor einem Manne fliehe, der ihr Böses habe antunwollen. Ich lud sie ein, unter einem Sonnenschirm mit mir auf der WieseBlumen zu pflücken oder unter Pinien, Lorbeern und Oliven Schatten zusuchen oder in einem Quell in der Nähe zu baden. Oder wenn sie essen wolleso brauche sie nur zu befehlen: Speisen und Weine würden erscheinen under besitze die herrlichsten Becher aus Gold und Silber und kostbare Trink-schalen aus edeln Gesteinen. Und sie könne Wild oder Geflügel, Fleischvom Schwein oder Rind oder Schaf haben, Fische oder Eier genießen,dazu Milch und Käse, Obst und Gemüse. Unterhaltung werde ihr dabeidurch die Grammatik oder durch andere Künste, 1 wie Musik zur Zither oderTrompete zuteil werden. Wohin sie wolle, könne sie sich hinwünschen, über-all werde sie unter seinem Schutze sicher leben. „Mit Blumen wirst du dieherrliche Lagerstatt schmücken, die für die Götter bestimmt ist und aufdas Haupt einen Kranz setzen. Oder willst du das Lager lieber bei derbunten Wiese ? Willst du es von Zedernholz oder von Silber, von Goldoder Kristall ? Die Kissen werden aus Seide sein und mit Goldfäden durch-wirkt und tausend Pfund Federn dazu gehören (!). In solchem Bett schliefeinst Numa mit seiner Egeria. Und willst du dich nicht im Hain auf-halten, so gehen wir ins Zelt, das aus Baumwolle gewebt schon den Dariusergötzt hat; von ihm hatte es Alexander, von diesem Euander, der esnach Italien brachte, und mir hat es Kaiser Heinrich geschenkt, derseine sächsischen Feinde bezwang. Es läßt keine Unbilden des Wettersdurch und seine Webereien und funkelnden Steine geben in seinemInnern blendendes Licht, das von den zwölf Edelsteinen ausgeht. 2 UndMädchen an Zahl den Sternen gleich und Diener werden kommen dir auf-zuwarten. Aber wenn du willst, bleiben wir in der Stadt, weil du dort alleshaben kannst, denn Engländer und Griechen, Bayern, Ungarn und Inderwohnen in ihr. Dort werden die kostbaren Hyazinthe verkauft und alledie Edelsteine aus Indien und Claros 3 und der Marmor aus Paros. Hier gibtes alle Kostbarkeiten des Orients, und du kannst kaufen in den tausendLäden, was dein Herz begehrt, wie flandrische Gewebe, kretische Teppiche,alle Arten von Goldschmuck. Hier wohnt eine Schar von Malern undÄrzten, die ihre Künste ausüben, und alles gibt es hier zu kaufen außerden Höllenstrafen. Deutsche und Franzosen bewachen die Wälle der Stadt
1 Es ist natürlich an die freien Künste zu 3 Ist wohl nur des Reimes wegen genannt,denken (Vs. 91 Gramatice partes si vis aut wie das im Gedicht öfters der Fall zu seinqualibet artes). scheint. Vgl. z. B. 187 Hanc habitant lim,
2 Gemeint sind die zwölf Edelsteine des gens et prius incola Pindi Vs. 195.neuen Jerusalem nach Apocal. 21, 19f.