C. Kirchliche und religiöse Dichtung 863
und Senats haben möchte; denn ein Astrolog habe geweissagt, daß er seinenVater töten werde, und er wünsche, daß seine Seele frei auf die Sterne zurück-kehren möge. Da entsteht große Aufregung in der Versammlung, und manw ill mit allen logischen Gründen dagegen streiten. 1 Aber Patricida gibtnicht nach, er beharrt bei seinem Vorsatz, sich selbst zu töten, und legt alleAbzeichen der königlichen Würde ab. Der Vater wendet sich an die Sena-toren und bittet sie einzuschreiten, doch der Sohn bittet um das, was ihmzukommt. Die Richter verbergen sich hinter allgemeinen Redensarten überLohn und Strafe. Das Kreuz komme dem Sünder und Lob dem Tapferen zu,und jedem gebühre das, was er verdient habe. Hiermit endet die Dichtungohne eigentlichen Schluß, und zwar steht der letzte Teil (13 Distichen)nur in einer einzigen Handschrift. Haureau meint, daß das Gedicht vonBernardus Silvestris verfaßt ist (Not. et Extr. 29, 2, 341—347). Ob mitRecht ?
Die Ueberlieferung weist Mängel auf, so Vs. 32 und 250 {tibi nunc?); 107 muß voceturstehen, 120 habeant, 753 Saturnus. Prosodische Fehler z. B. 116. 163. 225. 311. 752. DerDichter ist mit alten Sagenstoffen vertraut, vgl. den Hinweis auf Medea 97.114. Ueberliefe-rung im Paris. 5129 und 3718.Turon. 300 s.XII. Vatic. reg. 90. Berol. theol. oct. 94 s.XII(enthält allein das Ende). Exzerpte im Berol. Diez. B Santen. 60 s. XIV f. 5a. AusgabenbeiBeaugendre 1295—1310; Migne 1365—1380; der Schluß bei Wattenbach, Berl.SB. 1895 S. 127f. Vgl. Cloetta, Beitr. z. Literaturgesch. des MA. u. d. Renaiss. S. 114ff.GuilelmiBlesensis Aldae comoedia rec. K.Lohmeyer p.30.W.Creizenach bemerkte (Ge-schichte des neueren Dramas 2 1, 40), daß die Quelle des Werkes die vierte DeclamatioQuintilians ist.
Zeitgedichte. Hildebert widmete ein Gedicht von 26 Distichen dem von ihmaufs höchste verehrten Berengar von Tours. Es ist ein Lobgesang aufden Toten (f 1088), aber kein Epitaph, und ist als solches mit Ausnahme derersten zwei Verse auch nicht benutzt worden, vgl. Haureau S. 311. DieseDistichen zeugen von einer außerordentlichen Anhänglichkeit des jungenMannes an den großen Dialektiker, dessen Tugenden hoch gepriesen werden,während natürlich von seinem Abfall von der Kirche nicht die Rede ist.Haureau hat das Verdienst, das Gedicht 2 überhaupt erst lesbar gemachtzu haben, 3 da die Drucke von Fehlern strotzen. Sehr bekannt geworden istHildeberts Gedicht auf Rom Par tibi, Roma, nihil, cum sis prope tota ruina,das noch vor dem Tode des Verfassers von Wilhelm von Malmesbury in dieGesta reg. Anglorum aufgenommen wurde 4 (wie auch das Lobgedicht aufBerengar 5 ) und von Helinand und Vincenz von Beauvais 6 angeführt wird.Es handelt von der einstigen Größe und Macht der Stadt; sie war so gewal-tig, daß die heutige Ruine gar nicht wiederaufgebaut werden kann unddaß die Götter die Majestät der alten Marmorbilder anstaunen, ja daß dieNatur das Antlitz der Götterbilder nicht so schaffen konnte, wie es hiervon Menschenhand gestaltet wurde. Glücklich die Stadt, schließt Hilde-bert, wenn sie ihre Herren 7 nicht hätte, oder wenn diese sich ihrer Treulosig-keit schämten. In einem zweiten Gedicht antwortet Rom hierauf, daß die
1 793 Entymema sonat, sonat hinc inductio. 5 3, 284 ed. Stubbs p. 33f.
2 Daß es von Hildebert war, bezeugt Bai- 6 Spec. hist. 25, 108.
derich von Bourgueil, Duchesne, Hist. ' Daß dies die Päpste nicht sein können,
Franc. SS. 4, 271. sondern daß sich das Wort dominis auf die
3 A. a. O. S. 310f. salischen Kaiser bezieht, hat Haureau
4 4, 351 ed. Stubbs p. 403. zweifellos richtig erkannt (S. 336).