C. Kirchliche und religiöse Dichtung 861
Verse, der sich zuweilen zum Tiradenreim erweitert und sich auch mit demLeoninus verbindet. 1 Auch hier ist die Prosodie öfters mangelhaft (116 und309), 2 allerdings scheint die Überlieferung mehrfach unrichtig zu sein.
Eine größere Dichtung von 899 gereimten Hexametern schuf Hildebertin der Vita s. Mariae Aegyptiacae, die mit der Geschichte des Zosi-mas beginnt und daher im Mittelalter meist als von einem Zosimas ver-faßt angesehen wurde (Hugo von Trimberg, Johannes Aegidius). Der Dich-ter erzählt ausführlich, wie Zosimas als Mönch lebte und später im Alterjenseits des Jordans Einsiedler wurde. Da habe er einst ein Weib getroffen,das ihm erzählt, wie sie lange als Dirne gelebt, aber nun bereut habe. IhreProphezeiung, ihn wieder zu treffen, erfüllt sich, sie stirbt dann undwird durch Zosimas mit Hilfe eines Löwen begraben. Diese Dichtung, diein gewissem Sinne eine Rahmenerzählung bietet, 3 besitzt eine Menge span-nender Momente und ist zum Teil sehr lebendig gehalten, so daß sich Hilde-bert hier als Dichter offenbart. Übrigens setzt der gewöhnliche Reim zu-gunsten des Endreims von 458—469, 544—555 und 618—625 aus und 608—611 und 614—617 finden sich Trinini salientes; 4 auch das asyndetische An-einanderreihen von Worten, das der Dichter liebt, liest man öfters (95. 91 f.145f.) und ungewöhnliche Worte begegnen nicht selten. 5 Vs. 761 beruhtauf Arator act. ap. 1, 447 f.
Versus de s. Vincentio im Berol. Phillipp. 1685, bei Beaugendre 1243—1248= Migne1301—1308; De inventione s. crucis aus einer Hs. von Auxerre gedruckt bei Beaugendre1255—1262 = Migne 1315—1322. Vita b. Mariae Aegyptiacae Heidelberg. Salem 9. 15s.XII (P.Lehmann, Mitteil, aus Hss. 1,12 (München 1929), Berol. Phillipp. 1685 u.a.St. Victor 272 und Evreux 19, bei Beaugendre 1261—1276 = Migne 1321—1340. Hs.außerdem Monac. 12513 a. 1240. Die Passio b.Agnetis (Kopenhagen Kgl. S. 1905.4°s. XII/XIII) bei Migne 171, 1307 wird jetzt dem Hildebert abgesprochen, vgl. oben S. 827 f.
Dichtung über antike Stoffe. Hildebert war, wie wir mehrfach beobach-teten, in der Antike gut zu Hause und er hat es daher auch keineswegsverschmäht, Stoffe aus dem klassischen Altertum in der ihm gegebenenmodernen Form dichterisch auszugestalten.
Mathematicus. Beaugendre setzt seiner Ausgabe dieses Gedichts dieErklärung hinzu, daß das Gedicht die Astrologie verspotten wolle (?). Eslehnt sich in seinem Stoff an Quintil. Declam. 4 an (Mathematicus über-schrieben, vgl. die Ausgabe von P. Burmann, 1,83—103(Lugd. Bat. 1720).Stil und Ausdrucksweise legen es unbedingt dem Hildebert bei, dessenWort sacrifex auch nicht fehlt (Vs.708). Er sucht hier den Eindruck zuerwecken, als ob er im Altertum schriebe und als ob er in Rom völligbekannt wäre, wozu allerdings 639 Capitolinas quibus Albula influit aedeswenig paßt, obwohl er ja in Rom gewesen ist. Aber er versetzt seine Dichtungin die punischen Kriege und der Held der Erzählung wird als Sieger über Kar-thago nicht wenig gerühmt. 6 Alle Verhältnisse werden antikisiert, und es ist
1 Vgl. Vs. 20—24. 159—164. 212—215. 6 Vs. 43 miratrix (Juv. Sat. 4, 62). 128
2 praeit als Pyrrichius kommt auch sonst Praeconfortabat. 203 subobsita. 296 suspirati-bei Hildebert vor. — 56 lies conspicü; 262 bus (Ovid. Met. 14,129). 608 tetrennia. —facis, 272 Vesevum; Verschleifung Vs. 81, Hiatus 230, Unterlassen der Verschleifungmonosyllabischer Ausgang 90. 317. Monosyllabus 234, Spondiacus 356.
3 Die Innenerzählung Vs. 338—684. Prosodie 451 und 465 [praeit], ganz verderbt^Trinatrienniabinatetrenniasicabiere, ist 587.
Lenibus aspera mitibus effera mista fuere. 6 Dabei steht aber das Wort miles (Vs. 3)