860 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
deren Arten aus Lucan 1 und Isidor 2 in langer Reihe (Vs. 267—317) vorge-führt werden, um dann Geschichten aus Sueton Caes. 71 und aus Velleius (?)2,19 Platz zu machen. Natürlich werden dann die Erzählungen über Phala-ris und Perillus (Ovid. Ars am. 1, 653) und über Busiris (435ff.) beigebracht.Mit 499 beginnt der dritte Teil, der mit der Kraft des Orpheus anfängtdie Natur in seinen Bann zu zwingen. Und damit kommt der Dichter aufDinge zu sprechen, die ihn sehr interessieren. Er zählt zunächst die Bäumeund Pflanzen auf (507—540), dann die Menge Vögel, erst wirkliche, hieraufsagenhafte (Vs. 541—624), die sich der Macht jenes großen Sängers unter-warfen. Hierauf folgen die Insekten und (633—676) die großen Tiere, 3 end-lich in reicher Auswahl die Fische (677—726), die vier Sonnenrosse undHimmel und Erde selbst. Es folgen nun weitere Beispiele von der Macht derMusik aus Boeth. de mus. 1, 1, und Vs. 805 begibt sich der Dichter wiederzu Orpheus zurück, um aus seinen Taten zu erweisen, daß nur Fleiß undMühewaltung zu außerordentlichen Zielen führen. Erst Vs. 1025 verläßter dies Thema, bleibt aber seinem Gedanken treu, indem er eine MengeStoffe aus dem Altertum behandelt, wo es ebenfalls auf Fleiß und Ausdauerankam; auch hier werden wie schon früher die antiken Dichter 4 stark be-nutzt. Den Schluß bilden Lebensregeln antiken und christlichen Ursprungs, 5die die philosophische Lebensauffassung des Dichters deutlich bezeugen,während das ganze Gedicht seine große Vorliebe für das klassische Alter-tum klar erkennen läßt. 6
Ueberlieferung im Paris. 5129 f. 94, 16252, Vindob. 848, 857 (mit Namen des Ver-fassers), Bruxell. 17018 s. XII, Oxon. Corp. Chri. Coli. 255 u.a., sie ist bezüglich desTextes sehr wenig stabil. Ausgaben bei Beaugendre 1329—1332 (= Migne 1402—1406(Fragment), F. W. Otto, Comment. crit. in cod. bibl. acad. Giss. p. 163—198, vgl. p. 98ff.Haureau a. a. O. S. 319—321.
Hagiographische Dichtung. Hildebert hat auch eine Anzahl Dichtungenim Gebiete der Hagiographie geschaffen, die durch den Reichtum ihressprachlichen Ausdrucks den gewandten Dichter deutlich verraten. So hater in 313 leoninischen Hexametern die Geschichte des spanischen MärtyrersVincentius in Verse gebracht, wobei er sich eng an die Überlieferunghält. Das Gedicht besitzt wenig Eigentümliches und schließt sich in derpoetischen Technik an die gewohnten Normen Hildeberts an. So begegnetder Hiatus (Vs. 236) und die Verschleifung (Vs. 49) sowie der monosylla-bische Ausgang (Vs. 8). 7 Das Gedicht De inventione s. crucis beruht aufder bekannten Prosavorlage, dem ersten Teil der Acta Judae — Quiriaci,und beginnt mit der Erscheinung des Kreuzes in der Konstantinschlacht,während das Ende von Vs. 351 an in einen begeisterten Hymnus auf dasKreuz hinausläuft (359 Vim penetrare crucis Socratem si forte reducis, Nonpoterit Socrates sed nee Maro pandere vates). Die 391 Hexameter sind leoni-nisch gereimt, doch tritt an Stelle des Leoninus auch der Endreim mehrerer
1 B. C. 9, 709ff. 2 Et. 12, 4." praeponere noli.
3 Nach Isidor; aber auch die Bibel hat hier 6 Die Prosodie steht nicht immer auf derbeigesteuert, wie 643 cirogrillius beweist. Höhe, vgl. 38. 139. 197 u. a. Viele Hexa-
4 Besonders Horaz, Ovid, Vergil, aber auch meter oder Distichen sind leoninisch ge-Avian (Vs. 1133f.). reimt, aber der Reim ist durchaus nicht
5 Vgl. 1161 toti Te reputans mundo, non regelmäßig.
tibi te genitum. 1173 Causae vivendi vitam ' Ein seltsames Wort ist recruciare Vs. 197.