C. Kirchliche und religiöse Dichtung 827
größere Gedichte, die wie die Susanna zur Bibeldichtung, oder wie diePassio s. Agnetis und die Vita s. Eustachii zur hagiographischen Dichtunggehören.
Vita Susannae. In hundert nicht leoninischen Distichen behandeltePetrus die Geschichte der Susanna, allerdings nicht getreu nach biblischemVorgang, denn Petrus stellt den Prozeß in den Vordergrund. Die beiden Al-ten verklagen die schöne junge Frau, daß sie beide, als sie an schönem Tageim Garten Joachims unter dem Schatten eines Baumes geweilt hätten,sahen, daß Susanna herbeigekommen sei, um sich für ihren Liebhaber zuschmücken. Da entgegnet Daniel, daß Susanna rein sei und sie Lügen vor-brächten, wobei er die Alten auf stärkste Weise anklagt ; x er erzählt nun denHergang nach der Bibel und fragt beide gesondert, unter was für einemBaume sie gelegen hätten. Als der eine einen prinus (Steineiche), der andereeinen schinus (Mastix) 2 nennt, so wird ihre Schuld völlig klar, und sie em-pfangen ihre Strafe.
Ausgabe aus Paris. 8098. 8337, Mazar. 592, Vat. reg. 344 von Haureau, Not. etExtr. 29, 2, 352. Rezension des Flor, aspectus im Arsenal 1136 f. 17 und Turic. C. 58/275(nach J.Werner, Beitr. z. Kde d. lat. Lit. des MA., 1905, S. 74). Ausg. in HildebertsWerken von Beaugendre 1231 = Migne 171,1287; in dieser Ueberlieferung besitztdas Gedicht Glossen, die sich zuweilen zur Umdichtung ganzer Verse erweitern. Reimfehlt ganz.
Passio s. Agnetis. Schon Prudentius und dann Hrotsvit hatte das Mar-tyrium der Agnes poetisch behandelt, jedoch auf verschiedenen hagiogra-phischen Grundlagen. Petrus verwendete als Quelle dieselbe Fassung, diedie Gandersheimer Dichterin in ihrer Passio s. Agnetis 3 benutzt hatte.Petrus preist im Anfang körperliche und geistige Vorzüge der Agnes.Auf dem Schulwege erregt sie die heftige Liebe im Sohne des Präfekten,aber trotz aller Geschenke und Versprechungen verschmäht sie ihn undmacht ihn auf ihren Bräutigam Christus aufmerksam (Vs. 47—76). Derjunge Mann schützt Krankheit vor, doch der Arzt erkennt den Zustandund weiht den Vater ein. Aber auch dessen Versprechungen nützen nichts,und da Agnes sich als Christin ausgibt, beschließt man ihre Verurteilung.Sie wird vorgeführt, bleibt aber gänzlich unbewegt und weigert sich, derVesta zu dienen, da sie nicht Steine anbeten könne, und als ihr der Rich-ter die Alternative stellt, entweder die Göttin zu verehren oder in ein Bor-dell gebracht zu werden, bleibt sie festen Sinnes. So wird sie den Kupp-lern übergeben, doch als diese sie nackt ausziehen, verhüllt ihr Haar denganzen Körper. Da wird sie in eine Zelle gestoßen, doch sie bleibt rein undunberührt: der Sohn des Präfekten, der nach ihr greift, fällt alsbald totauf den Boden. Der Präfekt beschuldigt sie der Zauberei, aber auf ihrenWunsch verläßt der Schwärm der Jünglinge die Zelle und der Tote erhebtsich von neuem zum Leben. Da will der Präfekt Milde walten lassen, dochdas Volk ist dagegen, und er überläßt das weitere Gericht dem Aspasius.
1 Mit der beliebten Rhetorik, z. B. 126 54. 58), ihre Bedeutungwar dem MittelalterPlus in salmone quam Salomone legunt (vgl. natürlich nur mit Hilfe eines Danielkom-Münch. SB. 1872 S. 616). Vs. 145 cervix Lac- mentars verständlich.
tea, caesaries aurea stammt aus Maximian 3 Opera ed. C. Strecker (Lips. 1906)Bieg. 1,93. p.98ff.
2 Beide Bäume nur dort genannt (Dan. 13,