814 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
c
KIRCHLICHE UND RELIGIÖSE DICHTUNG
(BIBEL. HAGIOGRAPHIE. DOGMATIK)
1. RIVALLONUS VON NANTES
Rivallonus, ein bretonischer Kleriker, vielleicht erst zu Rennes, späterin Nantes Archidiakonus, mit seinem britischen Namen Rualennus genannt*lebte im 12. Jahrhundert und war ein Verehrer Marbods von Rennes, aufden er ein kurzes Epitaph im Stile Hildeberts dichtete. Besonders aber habensich von ihm 21 kurze Gedichte von zwei bis zwölf Versen erhalten, die manfälschlich dem Hildebert zugelegt hat und wohl manches von den poetischenKünsteleien Hildeberts besitzen, aber nichts von seiner Begabung verraten.Zugrunde liegen allen diesen Gedichten Bibelstellen teils historischen, teilsmoralischen Inhalts und der Dichter gibt nach Sitte der Zeit ihre allegorischeDeutung. Bourasse hat sie aus einer Handschrift von Jumieges unterHildebert veröffentlicht 2 und dabei zeigt sich, daß die Berliner Handschriftvon jener Überlieferung mehrfach abweicht. Sollte die Ansicht Rosesrichtig sein, daß Rivallonus einst Besitzer der Berliner Handschrift war unddiese kleinen Stücke hier gesammelt eintrug, so hätte man es hier mit seinemAutograph zu tun und dann würde natürlich diese Überlieferung den Vorzugverdienen. Bedeutung haben diese kleinen Stücke nicht, wohl aber wirddas Andenken Hildeberts nun von den 21 wertlosen Gedichten befreit. Er-halten hat sich auch das Epitaph des Rivallonus, aus dem hervorgeht, daßer aus hohem Geschlechte stammte und sich im Kriege hervorgetan hatte,bevor er geistlich wurde; außerdem wird seine Begabung in der Poesie ge-rühmt, die ihn angeblich dem Vergil gleichstellte, während er durch Tapfer-keit dem Achill und durch Weisheit dem Sokrates gleichkam. Wahrschein-lich stammt das Epitaph von einem Kleriker aus Nantes.
Zeugnisse. Im Berol. Meerm. 33 (Phillipp. 1992) s. XII f. 59a steht Rivallos Epi-taph; darin heißt es nach Rose a. a. O. S. 43 Vs. 1 Milicie splendor, lux cleri, gloriavalumNobilium soboles hie, Rualenne, iaces. Te fecere manus, mens sobria Carmen honestum Eacide,Socrati Virgilioque parem. Urbs bona Nannetum te nutrit. In derselben Hs. f. 81 a stehtRivallos Epitaph auf Marbod Versus Rivalloni archidiaconi de donno Marbodo, beginnendReddidit Ingenium sapientem, lingua disertum, gedruckt bei Martene et Durand, Thes.nov. aneedot. 1, 358. Der Berol. Meerm. 201 (Philipp. 1794) s. XII f. 25b und 26 enthältdie früher dem Hildebert beigelegten Stücke mit der Aufschrift Versus Rivalloni archi-diaconi Nannetensis. Abweichend vom Druck bei Migne 171,1264 ff. sind N. 10 (7 Verse).12 beginnt Egiptus mundus statt Israelitae nos, 17 (2 Verse), 19 (3 Verse statt 4Distichen),20 (5 Verse).
2. HUGO AMBIANENSIS (RIBOMONTENSIS)
In einer Gothaer Handschrift des 13. Jahrhunderts finden sich mehrereGedichte, die dem Hugo Ambianensis beigelegt werden. Daß dies nicht deraus einem dem Grafen von Amiens verwandten Geschlechte stammendespätere Abt von Reading und Erzbischof von Rouen Hugo gewesen ist,
1 V.Rose, Die lat. Hss. d. Kgl. Bibl. zu aufmerksam (Martene et Durand, Am-
Berlin 1, 43 macht auf die Zeugen Riwalus pliss. coli. 1,148).
und Ruulin in einer Urkunde desBretonen- 2 Migne 171,1264—1280.herzogs Salomon für Prüm vom Jahre 860