B. Didaktik 805
2. JOHANNES VON AUVILLE
Johannes stammte wahrscheinlich aus dem bei Rouen gelegenen OrteAuville, war also der Geburt nach Normanne. Doch wissen wir nicht, wo erlebte und dichtete, obwohl eine gewisse Verbindung mit England nicht un-wahrscheinlich ist, 1 da der letzte Teil seines 5. Buches über die britische Sagevon Artus handelt (343—496) und auch noch der Beginn des 6. Buches sichkurz hierüber ausläßt. Diese britische Urgeschichte ist aber dem Galfredvon Monmouth entnommen. Bekannt ist von Johannes nur, daß er im Spät-herbst 1184 dem Bischof Walter von Lincoln sein großes Epos, den Archi-trenius, widmete. Und nur so viel erweist sich aus dem Gedichte 1, 71—91,daß Johannes damals noch kein älterer Mann war 2 und daß er keine höherePfründe besaß, die ihm reiche Einkünfte verliehen hätte. Nach dem Gedichtist freilich anzunehmen, daß Johannes nicht in sehr jungen Jahren geschrie-ben haben kann, da die im Epos niedergelegte Lebenserfahrung einen etwasreiferen Mann voraussetzt. Allerdings baut sich diese Erfahrung vielfachauf seinen reichen Kenntnissen der antiken Literatur auf, in der römischenHistoriographie und besonders in der Dichtung ist er ganz zu Hause und erlebt in den Bildern der letzteren. Wie stark seine Abhängigkeit vom Alter-tum war, erkennt man besonders aus den umfangreichen Reden der antikenPhilosophen und der sieben Weltweisen im sechsten bis achten Buche, dasie stofflich zum nicht geringen Teile aus Valerius Maximus stammen, dessenWerk zu jener Zeit in hohem Ansehen stand. 3 Bezüglich der poetischenSprache aber kann man sagen, daß es im 12. Jahrhundert kaum ein Gedichtgibt, das an Bildern, Figuren und Tropen so reich ist wie der Architrenius(Erzweiner). Als Thema hatte sich der Dichter ein unerschöpfliches gesetzt,nämlich die Betrachtungen eines denkenden Menschen über die der Weltanhaftenden Mängel und seine Entwicklung aus Zweifeln zum Seelenfrieden.Dies Thema erinnert etwas an Dante und entbehrt auch nicht der Durch-führung in der Allegorie. Diese Form mag Johannes dem Anticlaudian Alansentlehnt haben, mit dem der Architrenius auch sonst Ähnlichkeiten zeigt.Nur tritt bei diesem die christliche Grundlage nicht so entschieden hervorwie bei Alan und auch das Ende des Gedichts, die Hochzeit des Architrenius,ist eigentlich gegen die christliche Auffassung gerichtet und wohl dem Mar-ianus Capeila entnommen. Außerdem erhebt sich aber unser Gedicht nichtzu dem hohen Schwünge der Phantasie wie der Anticlaudian, sondern ver-tieft sich gern in allegorisierenden Betrachtungen und in didaktischenStoffen. 4
Zeugnisse. Die älteste Nachricht über das Gedicht steht bei Eberhardus Alemannusim Laborintus 629 p. 359 Circuit et totum fricat Architrenius orbem, Qualis sit vitiiregio quaeque docet, die älteste Nachricht über den Dichter bei Richard von Fournival 5(Delisle, Le cab. des mscr. 2, 531) 108 Johannis de Hauvilla über de itineratione et questu
1 Vgl. Wright, The Anglo-Latin satirical 3 Vgl. Philologus, Suppl. 7, 766 f.
poets 1, XXVI. 4 Die Herausschälung der Quellen wird
Vgl. 1, 71 Deucalioneum pelagus vel nau- eine ebenso interessante wie mühsame Ar-
fraga Pyrrhae Saecula non vidi ... 74 Non beit sein, da Johannes seine Quellen oft
"KpraeteritisiactolatuissediebusMaeonium- nicht selbst sprechen läßt, sondern gern
que senem mihi convixisse ... 85 nodosa verschleiert.
meretur Nondum ruga coli, nondum vene- 5 Etwa 1250.randa senectae Albet olore corna.