B.Didaktik 799
und als der Kampf beginnt, werden die einzelnen Höllengeister durch dieihnen entgegenstehenden Tugenden besiegt und in den Staub geworfen. 1Sie fliehen entsetzt in die Unterwelt zurück, und der Mensch steht alsSieger über alle Laster da: Er hat, durch den großen Kampf vollkommengeworden, die Versuchungen der Sünde und alle Übel besiegt und dadurchder Erde das Paradies zurückgewonnen.
Man sieht aus dieser kurzen Wiedergabe, daß die Phantasie des Dichterseinen hohen Flug genommen hat und daß in dieser Dichtung das Hauptge-wicht auf die geistige und sittliche Aufgabe des Menschen in der Welt gelegtwird. Zugleich geht hervor, daß Alan an der Hand einer Allegorie einen Über-blick über das gesamte Wissen der Zeit zu geben bestrebt war. Dabei stehtder Verfasser gänzlich auf dem Boden der Theologie seiner Zeit, die von derplatonischen Ideenlehre durchaus abhängig war. In manchen Zügen abererinnert namentlich der in großem Stile durchgeführte Kampf an die Messiadedes Eupolemius, deren Grundgedanke allerdings viel einfacher ist. Jedenfallsaber ist der Anticlaudian ein wichtiges Glied in der geistigen Kette, dieschließlich zu Dantes Divina commedia geführt hat, und noch von Miltonwurde das Gedicht im Paradise lost 2 im Anfang von Buch III in der In-vocation of celestial light benutzt. Glossiert wurde das Gedicht von Radulfde Longo campo und von Wilhelm von Auxerre.
Zeugnisse. Auch hier wird nur wenig aus alten Autoren zitiert, obwohl ihre Namenim Laufe des Gedichts fast alle angeführt werden, 3 so daß Alan eine außerordentlicheLiteraturkenntnis verrät. Die Beschreibung der Schönheit der Prudentia geschiehtnach den üblichen Mustern, wie die der Natur in De planctu naturae, und diese Stelle(Vs. 279 ff.) wird später, wie das ganze Gedicht, sehr stark von Albert von Stade imTroilus Buch IV für die Schilderung Penthesileas benutzt. Ich notiere hier (nach derZählung von Leist, Der Anticlaudian. III. IV) Vs. 675 Hör. Ep. 1, 2, 40. Vs. 781 =Hör. A. P. 72. 742 Lucan. B. C. 1, 3. 5472 Verg. Aen. 1,150. 5477 Aen. 1, 188. 5493Aen. 12, 239. 6021 Georg. 1,448. 250 Ovid. Met. 2,137. Vs.177 beweisen die Worte Gesteducis Macedum, daß Alan die Alexandreis Walthers von Chatillon kannte.
Nicht wenig Lob aber verdient die Dichtung in sprachlicher Beziehung,denn hier beweist Alan eine außerordentliche Gewandtheit. Und wenn auchviele Fachausdrücke aus Boethius und Martian in die Dichtung gekommensind, so ist doch die Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit in der Ausdrucks-weise und die Leichtigkeit der Verse zu bewundern. Fehler begegnen nurganz selten, vgl. 1420. 1422, 4 so daß das Gedicht auch in dieser Beziehunghochsteht. Die seltenen Worte sind meist Fachausdrücke. Zu bemerken istendlich, daß der Reim nicht nur nicht gesucht, sondern geradezu ver-mieden ist.
Ueberlieferung. Eine Nachahmung des Gedichts gab in seinem „Ludus" Adamde la Bassee (in Lille, gestorben 1286), worin Sequenzen und Hymnen aufgenommensind, darunter sieben in Zehnsilbern, vgl. Messager des sciences hist. de Belgique 1888,241 und Gröber 2,1,385. In den 51 mir bekannten mittelalterlichen Katalogen,die Schriften Alans erwähnen, wird der Anticlaudian in 44 Exemplaren genannt. 5
1 Aehnlich wie in der Psychomachie des 0. Leist auftretenden Fehler (Prosoden,Prudentius. Hiate) gehen nicht auf Kosten des Dichters,
2 Vgl. Sandys, Hermathena 12, 439. sondern des Abschreibers, wie sich aus derUeber die Kenntnisse aus Aristoteles Ausgabe von Wright ergibt.
(nur aus dem Organon) V. Jourdain, 5 In Frankreich sechs, in England acht, in
Recherches les anc. traduct. d'Aristote 2 Deutschland siebzehn, in Italien zehn und
P-285 und Haureau, Not. et extr. 1, 327. in Spanien drei.Die meisten der in den Auszügen von