B. Didaktik 797
An alle hält sie eine Ansprache und verspricht die Tugenden gegen dieAngriffe der Menschen zu schützen. Dann sendet sie den Hymenäus alsBoten für das Priesteramt und befiehlt durch ihn mit Hilfe einer Urkundedem Genius, zu ihr zu kommen, um mit den Tugenden zusammen die sün-digen Menschen mit dem Banne zu bestrafen. Er erscheint auch mit Schreib-feder und Pergamenthaut, aber auch die Wahrheit tritt auf, mit göttlicherSchönheit im Antlitz. Die Natur küßt den Genius, und nachdem dieser denBann gegen die Übertreter der Tugenden vollstreckt hat, dankt sie ihm undder Genius verkündet nun: Im Namen der überirdischen Usia mache ichbekannt, daß die von den Gesetzen der Natur Abtrünnigen von der gött-lichen Liebe ausgeschlossen werden. Die Jungfrauen stimmen damit überein,und der Dichter erwacht aus seinem Traume.
Dies Werk ist nun an allen Orten und Ecken mit antiker Gelehrsamkeit geziert,namentlich treten mythologische Figuren stark in den Vordergrund. Dagegen ist dieAnlehnung an klassische Muster nicht eben groß, wie p. 454 albicare pruinis nachHör. C. 1, 4, 4; p. 510 Quoniam ergo res mea agitur cum familiaris paries inflammaturincendio Hör. Ep. 1,18, 84. Die Darstellung selbst leidet an außerordentlichem Wort-schwall und rhetorischem Schwulst; Synonyma werden gehäuft, Wortspiele ange-bracht und überaus gekünstelte, unnatürliche Reden eingelegt. 1 Zum Physiologus ge-hört p. 442 Illic unicornis virginali soporalus in gremio; p. 482 ist der Eingangsversdes Gedichts aus Boeth. cons. 1 metr. 2,1 genommen. Ueberlieferung. Das Werkwird in den 51 alten, mir bekannten Katalogen, 2 die Alans Schriften anführen, in 34Exemplaren genannt, war also sehr verbreitet. Hss. Monac. 565 s. XIII f. 21, 237 s. XV,416 s. XV, Vindob. 3265 s. XIV, 3150 s. XV; Wratisl. I. A. 102 s. XIV. Erlang. 409 a.1386. Nachgeahmt ist das Gedicht durch Walter v. Chatillon Alexandr. 10,1—167,vgl. F. Pfister, Neue Jbb. f. d. klass. Altert. 27, 520 ff. Ausgaben in den Gesamt-ausgaben und bei Th.Wright,'The Anglo-latin satirical poets 2,429—522. Vgl. O. Leist,Der Anticlaudianus (Stendal 1878) S. 13ff.
b) Anticlaudianus. Dieses große Werk in über 6000 Versen, das mitvollständigem Titel Anticlaudianus de Antirufino genannt wird, betrachtetsich als mittelalterliches Gegenstück zu den Gedichten Glaudians gegenRufinus. Glaudians Dichtungen waren vor dem 12. Jahrhundert wenig ver-breitet, 3 man scheint erst seit dieser Zeit an der Allegorie und dem rhetori-schen Pomp dieses Dichters mehr Geschmack gewonnen zu haben. DasVerbreitungszentrum der Überlieferung des Dichters ist wohl Frankreichgewesen, und so finden wir ihn hier die Grundlage für ein großes Epos desAlan abgeben. Nämlich in Claudians Gedicht 4 ruft Alecto alle verderblichenGeister, um den Weltfrieden zu bedrohen, den die Regierung des Theodo-sius geschirmt hatte; Megaera aber kommt hierbei schneller zum Ziele,indemsie ihren mit allen Lastern ausgestatteten Zögling Rufin an den Hof bringt.Und diesem Rufin stellt nun Alan den Antirufin gegenüber, der im Besitzealles Wissens und aller Tugend die Unglücksmächte der Erde überwindet.Merkwürdig ist jedenfalls eine solche typische Verwendung eines historischenCharakters, sie erklärt sich besonders aus der Vorliebe der Zeit für dieAllegorien.
Wenn nun Claudians Gedicht dem Alan den Grundgedanken eingab, sohat der Dichter den größten Teil seiner poetischen Erfindung dem Martianus
1 Von Wörtern seien genannt p.429 Vs.18 zu italienischen Bibliotheken und nur einerhermaphroditare. p.462 tiresiare. p.485 Bac- zu einer spanischen Kirche.
chilatria. 3 Vgl. Manitius, Philologisches aus alten
2 Davon gehören elf zu französischen, zehn Bibliothekskatalogen S.103f.zu englischen, zwanzig zu deutschen, neun i In Ruf in. 1, 25 ff.