B. Didaktik 783
meinte daß dieser Bruder im. Weltleben stand (S. 343) und kein Geist-licher war. Das ergibt sich aber nicht aus den angeführten Stellen, 1 undaußerdem heißt es Vs. 182 ausdrücklich, daß der Knabe schon Christusgeweiht, also zum Kleriker bestimmt war. 2 Der Dichter weiß allerdingsnicht ob ihn der Bruder schon verstehen wird. Er bittet ihn am Anfangeindringlich, seine Lehre zu befolgen. Zunächst führt er ihm die Vergäng-lichkeit alles Irdischen und die Gewißheit vor Augen, daß er auch sterbenmüsse und zeigt ihm, daß aller weltlicher Besitz hinfällig, also nicht zu be-gehren sei. Namentlich müsse er das Weib vermeiden, sich aber an Chri-stus halten und nach der hl. Schrift leben, denn wer an der Welt hänge,verfalle den Qualen der Hölle. 3 Und da Gott seinen Sohn gesandt habe,um das Übel der Welt zu bezwingen, so möge sich der Bruder an das Heilwenden und dem Leben der Gerechten nacheifern, dann werde er die Freu-den des Himmels ernten. Übrigens könne er alle diese Lehren aus der hl.Schrift selbst lernen, und er versichere ihn, daß er durch solche Lehrennur sein Bestes im Auge habe. Gott und Christus möchten ihm Kraft undVerstand verleihen, damit er das verstehen könne, worüber er ihn hier be-lehrt habe.
Man sieht, daß das Gedicht rein didaktisch ist. Die distichische Anlage gibtihm einen sentenziösen Charakter, und seine Spruchweisheit, die häufigproverbial zugespitzt ist, geht größtenteils auf die Bibel zurück. Währendnun im Contemptus die Trinini salientes als Verse angewendet werden, trittin unserem Gedicht eine große Mannigfaltigkeit der Verse ein, jedoch mitstarker Durchführung des Reims für mindestens je ein Verspaar. 4 So istdie distichische Anlage in beiden Gedichten gleich, aber im zweiten ist diemonotone Reimkünstelei des ersten glücklich vermieden.
Zeugnisse. Vs. 1 (Schröder, Gott. Nachr. 1910, 346) Chartula nostra tibi mandat,dilecte, (al. Rainalde) salutes. Die biblische Grundlage kündet sich gleich im Eingang anVs. 11 Vox divina sonat, quod nemo spem sibi ponat In rebus mundi, und am Schluß heißtes Vs. 344 Omne quod ostendo poles ipse videre legendo, Indice scriptum poteris cognoscereplura. Wunsch des Dichters Vs. 360 Sed pater immensus det perspicuos tibi sensus, Ro-boret etatem . . . Filius ipse dei . . . Virtutem flores et honestos det tibi mores. Anlehnungan Verg. Aen. 1,641 ist Vs. 67 (Prosperitas rerum, series longinqua dierum). Sprich-wörtliches mag manches darin enthalten sein.
Ueberlieferung. Die Abfassung im 12. Jahrhundert, die schon Schröder nachParis. 3549 annahm, wird bestätigt durch den Katalog von Limoges s. XII (Delisle,Le Cab. des mscr. 2, 504), wo als N. 365 angeführt wird Versus optimi de contemptumundi qui sie ineipiunt: Vox divina sonat = Vs. II. 6 Das Gedicht steht im Paris. 3549a.1207; 8207. 8491.15160. Brugens. 547. Trecensis 633. Vindob. 4548. 4924. Monac. 4113s. XIV; 4350 s. XV f. 4; 4146 s. XV f. 9b; 4409 s. XV f. 208a; 7678 s. XV f. 108; 11804s. XVI p. 78. Darmstad. 3223 s. XV. Ausgabe (beider Werke) von B. Lubin, BernardiMorlanensis mon. ord. Cluniac. De vanitate mundi et gloria caelesti etc. Rostochii 1610und besonders von Edw. Schröder, Nachr. d. kgl. Ges. d.Wiss. zu Göttingen, Phil.-hist. Kl. 1910, 346—354; dort auch S. 357—374 eine niederrheinische Uebersetzung auss. XIV im Cassell. philos. 8 N. 5 f. 77b—115b s. XIV. — Vgl. Haureau, Not. et extr.27,2,20—25. Raby, A hist. of Christian-latin poetry p. 315 ff.
Vs. 21 Tu quoque, frater, ita carnis con- gen 6, 2).
togia vita\ 254 Jam satis audisti, frater; 358 2 182 Servitio Christi, cui tradilus ipse fuisli.
Fortassis puero tibi frustra mittere quero 3 Sie werden Vs. 139—160 sehr breit aus-
Istum sermonem, quia non capis hanc ratio- gemalt.
nem Zum angeblichen Weltleben Vs. 22 4 Vgl. über den Reim E. Schröder, Gott.
Utplaceas Christo mundo dum vivis in isto; Nachr. 1910, 338f.
dieser Vers ist sehr ähnlich mit Carm. de 6 Es fehlten also in der Hs. die Eingangs-
conflictu vit. et virt. 1 (Roman. Forschun- verse.