776 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
tage, zumal die Behandlung der einzelnen Stücke recht verschieden istJedenfalls sollten alle Fabeln ein Epimythium erhalten, aber es werdenjeder auch mehrere Distichen belehrenden Inhalts vorausgeschickt. Und dieFabel 2 vom Adler und der Schildkröte scheint dem Verfasser so gefallen zuhaben, daß er sie in drei Fassungen von verschiedener Länge behandelt hatAuch hier tritt der Reim im Hexameter ganz, im Pentameter fast zurückUeberlieferung im Paris. 11867 s. XIII f. 217b; Cantabr. Gg. 6, 42 s. XV f. 231b"Ausgaben von du Meril, Poes, inedites p. 262—267, von Hervieux, Les fabulisteslatins 3, 462—467. Vgl. Hervieux 3, 222—234. Zu 2, 23 degeneres animos istVerg. Aen
4, 13 benutzt.
e) Baidos Novus Aesopus
Der Romane Baldo, wahrscheinlich ein Italiener, von dessen Persönlich-keit wir nichts wissen, hat wohl noch im 12. Jahrhundert ein Fabelbuchgedichtet, das sich mit der Pantschatantra-Rezension in Kaiila und Dimnades Johann von Capua berührt und durch unbekannte Zwischengliederauf den arabischen Grundtext zurückgeht. Die Vorlage Baidos für seinen1242 leoninische Hexameter enthaltenden Novus Aesopus war eine latei-nische Prosa 1 und diese stellte eine ganz eigne Überlieferung dar, die aller-dings der originalen Form sehr nahe kam (vgl. Hilka S. 15 zu Fab. 21).Es war also nicht, wie G. Paris darlegte, 2 das Directorium humanae vitaedes Johann von Capua Baidos Quelle, sondern Johann hat Baldo vielleichtbenutzt, wie ihn auch Hieremias de Montagnone in seinem Compendiummoralium notabilium 3 und durch ihn dessen Plagiator Johannes de Grapanisim Liber virtutum et allegationum auctorum (1313) sowie Raimund deBiterris im Liber Kalilae et Dimnae 4 verwenden.
Zeugnisse. Der Name Baldo im Vindob. 303, Balbo in der Hs. von Heiligenkreuz112 ist wohl nur ein Versehen des Abschreibers. Sicher war er Romane, das ergibt dashäufig fehlende und das überschüssige h in Vs. (Ausg. von Hilka) 9. 16. 325. 411. 472.975. 1111. 1168 sowie die Gleichsetzung von x und s im Reim, vgl. Hilka S. 4, wo noch229 extra — vestra und 791 mixtis — tristis nachzutragen ist. 5 Zu dem in Italien häufigenNamen Baldo stimmt Vs. 635 die Erwähnung des Ticinus und die Benutzung durchHieremias von Montagnone. Die Prosavorlage geht aus den Worten des Prologs hervor.Vs. 1 Versibus istud opus, cuius fuit auctor Esopus, Baldo, quod exegit rudis eius musacoegit. Artis adhuc prisce quod fictum tempore disce, Simplicitate stili, novitatis origine vüi.
Novus Aesopus. Aus der reichen Fülle im Pantschatantra hat Baldo35 Fabeln mit Rahmenerzählung und Endmoral ausgewählt oder vielmehrdie Auswahl, die ihm seine Quelle bot, in Verse übertragen. Regabung zurPoesie hat er nicht mitgebracht, denn er arbeitete rein gedächtnismäßigund verschmähte schöne Motive, die ihm die Quelle geboten haben muß.So ist seine Darstellungskunst recht gering, zumal sein Vortrag oft rechtholprig und seine Sprache vielfach schwer verständlich ist und allerhandUnklarheiten zuläßt. Die nicht seltenen Zusätze 6 sind nicht immer geschickt,aber besonders finden sich Kürzungen und Auslassungen sowie Veränderun-gen und Abweichungen aller Art. 7 Baldo scheint aber auch selbständig ge-
1 Vgl. G.Paris, Journ. des Savants 1899 hunderts geschrieben.
5. 215 f. 5 Außerdem Vs. 416 Sexquipedem. Vgl.
2 A.a.O. S.212—217. auch Hilkas Bemerkung S. 11 zu Fab.
3 Vgl. über ihn P.Rajna, Studj di filo- 14, 25ff. (lacuna).
logia romanza 5,193ff. (1891). Sein Werk 6 Vgl. zu Fab. 1. 3. 8. Die Herkunft desist zwischen 1290 und 1300 verfaßt. Zusatzes ist unklar in Fab. 10.
4 Ist in der zweiten Hälfte des 13. Jahr- 7 Vgl. zu Fab. 5. 9.10.11.15.16.17. 27.