616 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
23. GUIDO VON PISA. (GEOGRAPHUS RAVENNAS)
Im Jahre 1118 hat der Pisaner Kleriker Guido — er bevorzugt in seinenHistoriae variae Pisa 1 stark — ein großes Sammelwerk in sechs Bücherngeschrieben, das er Historiae variae nannte und dessen erste Hälfte LibI — III aus geographischen Exzerpten besteht, während die zweite HälfteLib. IV —VI sich aus historischen und sagenhaften Stoffen zusammensetzt.
Guido von Pisa nennt sich selbst c.3 p.451, 7 Unde ego Guido inductus pro scientiamea et viribus statui . . . quandam conferre particulam longo conquisitam labore. Guido istaber weder Guido von Montecassino (MG. SS. 5, 63. Archiv 10, 406) noch Guido vonPisa, der Verfasser der Fiore d'Italia, vgl. Parodi, Studi di filol. romanza 2,182ff.Aus der Unterschrift im Bruxellensis (p. 451 n. 24 anno ab incarnatione eius millesimocentesimo XVIII indictione XII) ergibt sich die Abfassung im Jahre 1118.
Das Gesamtwerk hat für uns wenig Wert, da uns seine Quellen fastsämtlich bekannt sind, doch hat die erste Hälfte ein gewisses Interesseda sie uns eine späte Ableitung des Geographus Ravennas aufbewahrt hat.Bevor wir auf diese wichtigere erste Hälfte eingehen, ist es angebracht,kurz den Gesamtinhalt darzustellen und das wichtigste zum GeographusRavennas nachzuholen. Das erste Buch gibt die Beschreibung, Einteilungund Grenzen Italiens nach Geographus Ravennas, der Notitia urbis unddem Itinerarium Antonini. Das zweite Buch gibt Auszüge aus Isidor, näm-lich Et. 9,3.15,2 ff. und 19,32. Das dritte Buch gibt unter der ÜberschriftDe divisione orbis eine allgemeine Geographie der Erde nach Isid. Et. 14,2—5und dann nach dem Geographus Ravennas. Mit dem vierten Buche beginntder historische Teil. Es enthält eine Weltchronik nach Isid. Et. 5,39 mit demEnde Anno dominice incarnationis millesimo centesimo VIII ind. XV. Hierauffolgt das rhythmische Carmen in victoriam Pisanorum über die Gewinnungvon Al-madia und Sibila und ein Abriß der Weltgeschichte nach der ChronikIsidors; außerdem findet sich ein langobardischer, ein fränkischer und eindeutscher Königskatalog. Das fünfte Buch enthält die sagenhafte GeschichteAlexanders des Großen nach Pseudocallisthenes, 2 während das sechste voneiner Geschichte des troischen Krieges nach Dares Phrygius eröffnet wird;am Schluß steht ein Rhythmus auf den Tod Hektors in 26 Zehnsilbern. 3Es folgt ein Excidium Troie, eine Zusammenfassung dichterischer Über-lieferungen über den troischen Krieg, ein Liber Eneidum von der Geschichtedes Aeneas bis auf Roms Gründung und als Schlußstück die Historia Ro-mana des Paulus Diaconus bis auf Valens und Valentinian. Aber Guidohat hier auch die Kunst reden lassen, indem er eine ganze Reihe Bilder insein Werk hineinstellte. 4
Geographus Ravennas. Wahrscheinlich gegen Ende des 7. Jahrhunderts hat einRavennater Geistlicher eine Kosmographie von nicht geringem Werte verfaßt, die auf eineErdkarte des 3. Jahrhunderts zurückgeht und die er seinem Freunde Odo, vielleichtdem bis zum Jahre 673 amtierenden Bischof Oddo von Padua gewidmet hat. Daß er einGeistlicher war, ergibt sich aus vielfachen Bibelzitaten sowie aus kleinen theologischenExkursen (vgl. 1,1), wie aus der Benutzung des Orosius, Gregors des Großen und an-
1 So bringt er im 4. Buche das Gedicht auf Paris 1846 p. 102ff.
den Sieg der Pisaner über die Sarazenen 3 Es ist das Maß von Archipoeta 2 (Lingua
und hebt im 3. Buche (p. 475, 6 =511, 23) balbus), aber nicht in Strophen eingeteilt,
Pisa besonders hervor. sondern in Reimpaare.
2 Car. Müller, Pseudo-Callisthenes acc. 4 Vgl. C. P. Bock, Annuaire de la Bibl.ad Arriani Anabasin et Indicaed. Dübner, roy. de Belgique 12 (1851), 63—68.