522 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
6. ORDERICUS VITALISOrderic, der Sohn des Odelerius, im Jahr 1075 zu Ettingesham (Atcham)an der Saverne bei Shrewsbury geboren, erhielt seinen Namen nach demPriester Orderic, der ihn in der Kirche des hl. Eatta taufte. Mit fünf Jahrenbrachte ihn der Vater nach Shrewsbury zu dem Priester Siward, um ihn dieAnfangsgründe des Wissens erlernen zu lassen. Da Odeler selbst aus Frank-reich stammte und einst den Normannenherzog Wilhelm auf seinem Sieges-zuge nach England begleitet hatte, brachte erden Sohn in dessen elftem Jahrein die Heimat zurück und übergab ihn dem Kloster St. Evroul 1 in der Nor-mandie, wo er im Alter von 14 Jahren von Abt Mainer ins Kloster als Mönchaufgenommen wurde und seine Studien unter dem Lehrer Johannes be-endete. Sechzehn Jahre alt, wurde er Subdiakon, zwei Jahre darauf Diakon.Im Alter von zweiunddreißig Jahren wurde er in Rouen bei Gelegenheiteiner großen Klerikerpromotion durch den Erzbischof Wilhelm zum Prie-ster geweiht. Seinen englischen Namen hatte er damals schon lange abgelegtund den Namen Vitalis angenommen, 2 den man ihm von einem der Beglei-ter des hl. Mauritius gegeben hatte. Gegen Ende seines Lebens, als er schonden sechsten Abt in seinem Kloster erlebt hatte und die letzte Hand ansein großes Werk legte, war er im 67. Jahre und befand sich 56 Jahre imKloster. Sein Todesjahr ist unbekannt.
Zeugnisse. Die vorstehenden Lebensdaten ergeben sich aus Orderics Werke, derHistoria ecclesiastica, wobei die Vorrede von Lib. 5 (Migne 188, 375 AB) und das Endevon Lib. 13 (col. 981 B—983A), sowie 5,17 col. 423 und 425, 11,16 col. 833D, 834Abesonders in Betracht kommen. Vgl. Lappenberg, Geschichte Englands 2, 378.Pertz, MG. SS. 20, 50. Hist. litteraire.
Historia ecclesiastica. Orderic war von Abt Roger von St. Evroul(1096—-1123) aufgefordert worden, die Geschichte des monasterium Uti-cense zu schreiben, für die im Archiv des Klosters wahrscheinlich zahlreicheQuellen vorlagen. Die Arbeit zog sich aber in die Länge, da Orderic überseinen Plan hinausging und vielfach die kirchlichen Verhältnisse der Nor-mandie darstellte, ja bald die profane Geschichte hineinbezog. So behandelteer erst in sieben Büchern — es sind vom Gesamtwerk Buch 7—13 — dieZeiten vom Tode Wilhelms des Eroberers (1087), die Regierungen seinerSöhne und die Geschichte des ersten Kreuzzugs. Damit verband er aberstets die Kirchengeschichte der Normandie. Als er damit zu Ende war, wurdevom Kloster das Ersuchen an ihn gestellt, nicht nur die ältere Geschichtevon St. Evroul, sondern auch die ältere Normannengeschichte nachzuholen,wofür er als Quellen Dudo von St. Quentin und Wilhelm von Jumieges nam-haft macht. Am Ende des ersten Buches dieser Abteilung — es ist vom Ge-samtwerk das dritte — verweist er den Leser auf die Gesta Guilelmi desWilhelm von Poitiers, für die Schlacht von Senlac auf das Gedicht des Guidovon Amiens und für weiteres auf die Zusätze des Johannes von Worcesterzur Chronik des Marianus Scottus und auf die Chronik Sigeberts von Gem-bloux. Er selbst habe dies wenig verbreitete Werk zu Worcester und auchzu Cambrai gesehen, wo es ihm Abt Fulbert von St. Sepulcri gezeigt habe.So behandelt er in dieser zweiten Abteilung — Buch 3 bis 6 — den Eintrittder Normannen in Frankreich, England und Apulien, erzählt die Geschichte
1 Monasterium s. Ebrulfi Uticense. 2 Meist nennt er sich selbst Vitalis Angligena.